Wien - Während die Reformwilligen unter den EU-Regierungen nicht eben verfrüht darüber nachsinnen, wie man der schleichenden Entwertung von Lohnarbeit am wirkungsvollsten begegnen könnte, hat Marie NDiaye, eine französische Autorin senegalesischen Ursprungs, das aktuell großartigste Stück zum schleichenden Bankrott der Arbeitswelt geschrieben.

Hilda verschränkt zwei Versuchsanordnungen zu einer einzigen: verputzt sie zu einem spiralförmigen Turm. Eine vom Wohlstand in sektmoussierenden Wahnsinn getriebene Provinz-Madame (Alexandra Sommerfeld) versichert sich nämlich der Dienste einer jungen Arbeiterfrau, Hilda, die ihr rund um die Uhr aufwarten soll.

Sie wirbt für ihr Vorhaben ausgerechnet bei Hildas tumbem Ehemann (Johannes Zeiler): als überreif lockende Verführerin im seidenen Negligé. Sie schnäbelt im Theater Drachengasse Sätze wie eine kalkweiß gepuderte Boudoir-Salonschlange und betet den Anforderungskatalog an das Dienstmädchen wie den Katechismus herunter. Als ließe sich ein verstockter Schwarzarbeiter allein durch ihr rhetorisches Zutun auf die mild besonnten Höhen der Aufklärung erheben.

Aus guten Vernunftgründen sollen die Modernisierungsverlierer in ihren Ruin auch noch freudig einwilligen. Und weil die erstaufführende Regisseurin Sabine Mitterecker es liebt, Figuren und Schauspieler wie Herr und Hündchen nebeneinander her spazieren zu führen, atmet die Aufführung zunächst eine angenehm befremdliche Kühle: als Vexier- und Taxierspiel zwischen dick gerahmtem Spiegel und weißen Lichtfenstern im Schminkzimmer von Madame. Als kunstvolles Rokoko auf einem hospitalisierten Spielgrund, wo die Dame in Lackpumps über die Plastikmatratze stöckelt, immer gefährdet zu straucheln oder aus dem Prosapanzer ihrer schönen, klaren Diderot-Sätze herauszuplatzen wie ein Insekt (Bühne: N@tker). Nun müsste die Aufführung aber zu fliegen anheben: Die Bedeutungen müssten anfangen zu changieren. Niemand bekommt nämlich die arme Hilda, an deren Buchstaben sich Madame Lemarchand ergötzt wie an Löffelchen voll Konfitüre, jemals zu Gesicht. Aus dem Spiel (mit) der Bildung entsteht das Drama der Einbildung. Die übervorteilende Aneignung von Arbeitskraft ist selbst schon die härteste Arbeit. Nacheinander versucht die Besitzende, Hildas besitzlosen Mann zu verführen, ihn ins Einvernehmen zu ziehen, sich schließlich sogar selbst in Hilda zu verwandeln.

Das Sprachspiel der Ökonomie wird mit dem um so viel lustvolleren der Liebesanbahnung zart und missverständlich gekreuzt. Die Verabredungen kollabieren, und Madame Lemarchand trägt über ihren Widersacher einen traurigen, gallbitter schmeckenden Sieg davon. NDiyae (35) - sie hat in Frankreich bereits sechs Romane veröffentlicht - hat Genets Zofen gelesen und allerhand Theorie exzerpiert. Man wird es somit nicht ihr anrechnen wollen, dass der Abend in der Drachengasse nicht recht zündet. Sommerfelds Madame schlägt von Anfang an alle Pfauenräder des sich anbahnenden Irrsinns - eine Frau am Rande des Herzenszusammenbruchs. Keinerlei Geheimnis lockt. Aber müsste man das Herz nicht erst verkostet haben, ehe man es verwirft? Wischt der kunstvoll gedrechselte Text nicht alle Therapievorschläge vom Tisch? Sind wir nicht alle Moderne-Verlierer, umstellt von Images und Fakes? Vom zustimmenden Nicken wird einem der Kopf ganz schwer. (DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 9.1.2003)