Steht man als österreichischer Autor vor einem nicht österreichischen Publikum, entgleiten einem leicht die Bezugspunkte, die man hier als selbstverständlich voraussetzt.

Man könnte einen ganzen Lesungsabend damit verbringen, einem deutschen Publikum einen Begriff wie "Humanic-Werbung" zu vermitteln. Den Kottan allerdings kennt in Deutschland jeder.

"Kennen Sie Kottan?", fragen mich die deutschen Leser gern mit leuchtenden Augen, um ihr Insidertum zu dokumentieren. Dann bleibe ich immer höflich, so wie ich auch vor ein paar Wochen höflich blieb, als mich ein japanischer Germanist an einer Tokioter Uni fragte: "Kennen Sie Agatha Christie?"

Schließlich ist es schön, dass von Agatha Christies Büchern auch für einen japanischen und für einen österreichischen Leser noch irgendwas übrig bleibt. Und sehr schön ist es, dass ausgerechnet Kottan statt all der von vornherein auf den deutschen Markt schielenden Produktionen über die österreichischen Grenzen hinausgekommen ist.

Aber ich komme aus einem kleinen Land, und ganz ohne Zurechtweisung kann ich den deutschen Kottan-Fans ihre Begeisterung doch nie lassen. Man könne Kottan ermittelt nicht einfach als gelungene Krimiproduktion abhandeln. Sondern das muss man sich einmal vorstellen! Die Siebzigerjahre. Das österreichische Land. Der Fernseher mit Alfons Dalma drinnen.

Und dann auf einmal der Kottan, der meiner dicksten Tante die unsterblichen Worte entlockte: "Da fängt für mich das Irrenhaus an." Oder war das bei der Humanic-Werbung, wo meine Tante immer ihre unsterblichen Worte sagte, oder war es doch angesichts ihres alten Freundes Jimi Hendrix, der mit den Zähnen Gitarre spielte?

Meine Tante hatte hundertzwanzig Kilo und aß zum Fernsehen am liebsten Russen aus dem Plastikkübel. Niemand konnte mit solcher Hingabe Russen essen, und am besten schmeckten sie, wenn im Fernsehen wieder einmal das Irrenhaus anfing. Das hätte dem Helmut Zenker bestimmt gefallen. (DER STANDARD, Printausgabe, 9.1.2003)