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Im Bild: die historische Stadt Hatra

Foto: REUTERS/SUHAIB SALEM

Ankara/Wien - Dem Patentrezept von US-Präsident George W. Bush für einen Regimewechsel im Irak, der zu einem pro-westlichen Modellstaat umgestaltet werden soll, können die Strategen in Ankara offenbar nichts abgewinnen. Was sie vor allem befürchten, ist der Zerfall des Irak, dessen Zerbrechlichkeit durch die langjährige Baath-Diktatur verdeckt worden ist. Der nach dem Ersten Weltkrieg unter britischer Regie geschaffene Kunststaat, der von der arabisch-sunnitischen Minderheit beherrscht wird, ist ethnisch und religiös bunt gemischt. Neben den zahlreichen Minderheiten, wie Turkmenen, Assyrern, Chaldäern, Jesiden und Armeniern, gibt es im Nordirak rund 3,5 Millionen (von insgesamt mehr als zwölf Millionen) Kurden, die seit 1991 der Kontrolle Bagdads entzogen sind.

Multiethnischer Charakter des Irak

Kern der jüngsten Verfassungsbeschlüsse der zerstrittenen Exil-Opposition ist der "föderale" und multiethnische Charakter des künftigen Irak, der über die zweitgrößten Erdölvorkommen der Welt verfügt. Dass sich die unterdrückte schiitische Bevölkerungsmehrheit den im Westen exilierten selbst ernannten Führern unterstellen wird, glaubt allerdings niemand. Das Kurdenparlament in Arbil hat im Oktober einen Verfassungsentwurf angenommen, der kurdische und arabische Regionen vorsieht. Auch für die Region "Kurdistan" gibt es bereits eine fertige Verfassung. Darin verankert ist das automatische Selbstbestimmungsrecht der Kurden, sollte die Regierung in Bagdad gegen die Verfassung verstoßen. Einen unabhängigen kurdischen Staat, der an ihre jeweiligen kurdischen Gebiete grenzt, würden jedoch weder die Türkei noch der Iran jemals akzeptieren.

Kleinkrieg zwischen Volksgruppen befürchtet

In einem "föderalen" Irak würde jede Volksgruppe für sich eine eigene Region reklamieren. Gleich nach Saddam Husseins Sturz droht somit ein Kleinkrieg zwischen den Volksgruppen auszubrechen. Die Kurden wollen den Turkmenen einen Minderheitenstatus im Gebiet von "Kurdistan" gewähren, die Turkmenen bestehen aber auf einer eigenen Verwaltungsregion. Als "Hauptstadt" beanspruchen die Kurden Kirkuk, das derzeit von Bagdad kontrolliert wird. Sollten die Kurden nach einem US-Militärschlag auf Kirkuk vorrücken, ist damit zu rechnen, dass die Turkmenen die Türkei um Hilfe bitten.

Nicht von ungefähr hat der türkische Außenminister Yasar Yakis dieser Tage erklärt, dass historische Verträge und ethnische Bindungen der Türkei ein Mitspracherecht geben würden. Ankara hatte die rivalisierenden nordirakischen Kurdenführer Massud Barzani und Jalal Talabani sehr energisch vor allen Aktionen gewarnt, durch welche die territoriale Integrität des irakischen Staates gefährdet werden könnte. Jeder Verstoß gegen die Prinzipien der Unversehrtheit der staatlichen Einheit des Irak in den völkerrechtlichen Grenzen würde die Region gefährlich destabilisieren, hatte der türkische Staatspräsident Ahmet Necdet Sezer betont.

Die Konflikte wie jener zwischen Kurden und Turkmenen ließen einen Irak-Krieg nach "afghanischem Muster" nicht zu, erklären türkische Experten. Diesmal würden die Amerikaner wohl den Großteil der Bodentruppen selbst stellen müssen... (APA)