Wien - Arm, krank und unter Stress. Das ist die Lebenssituation der überwiegenden Mehrheit der Menschen in Russland sowie in den restlichen Nachfolgestaaten der UdSSR. Die Lebenserwartung ist seit Mitte der achtziger Jahre vor allem bei den Männern zum Teil um sieben bis acht Jahre gesunken. Der Unterschied in der Lebenserwartung zwischen Männern und Frauen beträgt in der EU durchschnittlich fünf Jahre, in Russland beispielsweise zwölf Jahre.

Schuld daran dürfte neben Armut, zusammenbrechenden Gesundheitssystemen und Mangelernährung auch der soziale Stress während der Transformationszeit gewesen sein. Dies sind die Hauptergebnisse einer Studie des Instituts für Höhere Studien (IHS) in Wien.

Befragungen

"Die Studie erfolgte im Auftrag der Europäischen Kommission. Wir haben uns in einem Wettbewerb gegenüber zahlreichen Instituten weltweit durchgesetzt. Die Erhebung erfolgte im Oktober und November des Jahres 2001. Das Team hat in acht GUS-Staaten insgesamt 18.428 Personen über 18 Jahre in persönlichen Interviews am Wohnort zu den Themen Gesundheit und Lebensbedingungen befragt", erklärte IHS-Chef Bernhard Felderer am Donnerstag bei der Präsentation der Untersuchung in Wien.

Frappant war die Entwicklung der Lebenserwartung in der Zeit zwischen 1985 und dem Jahr 2000 in Russland, der Ukraine, Weißrussland, Moldawien, Georgien, Armenien, Kasachstan und Kirgisien. Die Untersuchung deckte damit 85 Prozent der Einwohner der Nachfolgestaaten der UdSSR ab: Während die Lebenserwartung von Männern in der EU zwischen 1985 und dem Jahr 2000 von etwa 72 auf etwa 75 Jahre stieg, reduzierte sie sich in Russland von etwa 65 Jahren im Jahr 1986 (bis dahin gestiegen) auf etwa 58 Jahre im Jahr 1994, sie dürfte im Jahr 2000 bei weiterhin unter 61 Jahren gelegen sein. Bei den Frauen stieg die Lebenserwartung in der EU zwischen 1985 und dem Jahr 1999 von etwa 79 auf fast 82 Jahre. In den GUS-Staaten blieb die Lebenserwartung der Frauen mit einer Bandbreite zwischen 70 und 75 Jahren in dem Zeitraum in etwa gleich.

"Am Wissen liegt es nicht"

Felderer: "Wir haben auch erfragt, ob die Leute über gesundheitsrelevante Faktoren Bescheid wissen. Die Menschen wissen genau, dass das Rauchen, das Trinken, regelmäßige Bewegung und andere Faktoren wichtig sind. Am Wissen liegt es nicht." Doch der gesellschaftliche Umbruch und der weiterhin starke Mangel an Lebensperspektive würden eindeutig gesundheitsschädigend sein. Der IHS-Chef: "Der Stressfaktor hat vor allem die Männer getroffen." Die Frauen in den GUS-Staaten seien offenbar besser mit den Veränderungen zu Rande gekommen. (APA)