Jeder Club ist eine Bühne. Und dort wird jede Nacht das gleiche Stück immer wieder uraufgeführt. Amina Handke und David Schalko versuchen sich mit "Disco ergo sum" an der Theaterfassung im Theater Gruppe 80.


Wien - Eigentlich passt ja auch der grauenhafte, körperlich spürbar peinliche Schluss. Weil es egal ist, ob man am Ende einer langen Nacht aus einem Club gespült wird, weil jemand die Neonbeleuchtung einschaltet, der DJ mit "Raus-schmeißernummern" die Hütte leer spielen möchte oder Schauspieler das Publikum auffordern, doch - bitte - jetzt, hier und sofort darüber zu reden, was man gedacht und gefühlt habe. Während des Stückes. Und mit Reflexionen über 09/11 beginnen.

Den Augenblick für das gute Ende einer besseren Nacht hat jeder Clubgeher schon versäumt - und ist im Morgengrauen irgendwo ganz elend abgestürzt. Während in den Ohren und im Bauch noch der Nachhall der Beats summte und auf der Netzhaut noch die Phantomblitze der Lichtanlage zuckten. Darum gilt auch für Disco ergo sum: rechtzeitig abhauen - bloß kann das im Nachhinein dann auch zu früh gewesen sein.

Mit ihrem Clubstück Disco ergo sum wagen sich Amina Handke und David Schalko auf das dünne Eis der theatralischen Inszenierung des Alltagstheaterstückes Nachtleben und legen damit im zur Gänze zum Clubraum mutierten - eher reduzierten - Kellertheater der Gruppe 80 eine mehr als passable Kür hin.

Nicht zuletzt, weil sie sich - abgesehen von ein paar platten Ausrutschern mit monologisierenden Klofrauen und Türstehern - sehr nahe an der nächtlichen Wirklichkeit bewegen. Und Handlung wie Kommunikation nicht als stringente Geschichte mit musikalischen Unterbrechungen angelegt sind, sondern die Akteure mit polaroidartigen Szenen in die kompakte Soundtapete eingewebt werden und immer nur kurz zwischen den im Clubraum an der Bar, auf Sofas oder einfach im Raum herumhängenden Zusehern aufblitzen. Wie in Wirklichkeit eben.

Denn die Geschichte kennt ohnehin jeder. Seit Menschengedenken. Und spätestens seit Saturday Night Fever, Staying Alive oder American Graffiti auch auf den Erzählebenen Jugend- und Clubkultur. Suchen, balzen und finden eben. Und weil dabei Worte oft ohnehin nur als möglichst unpeinliche Camouflage dienen, ist das (nicht nur akustische) Überdröhnen und Verhindern von Dialogen, die länger als dreißig Sekunden sind oder tiefer als "Ist das sexy?" reichen, so beliebt wie zielführend.

Dass hinter all den coolen, selbstsicheren und immer gut drauf seienden Partykörpern auch echte Menschen stecken, interessiert vielleicht Sozialarbeiter, Lehrer und Psychologen. Im Tanzkeller des Hier und Jetzt ist das kein Thema. Weil hier der Schein über das Sein triumphiert. Das gehört zu den Spielregeln der Inszenierung.

Zumindest so lange, bis irgendwer das Neonlicht einschaltet, der DJ Rausschmeißernummern auflegt und man im kalten Licht des erwachenden Tages zurück an die Stadtoberfläche kommt. Oder aber, wenn Schauspieler das Publikum auffordern, doch mit ihnen gemeinsam zu reflektieren. (DER STANDARD, Printausgabe, 10.1.2003)