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Wenn viele Israelis - insbesondere jene, die durch die Affären um den Likud verunsichert sind - nicht mehr wissen, wen sie am 28. Jänner wählen sollen, dann fällt ihr Blick auf die füllige Gestalt Josef Lapids. Es sieht ganz so aus, als würde dessen unscheinbare "Shinui"-Partei plötzlich zur drittstärksten politischen Kraft im Lande werden und in der nächsten Regierung eine gewichtige Rolle spielen - was zugleich bedeuten würde, dass erstmals seit mehr als 25 Jahren eine Koalition ohne die Orthodoxen gebildet wird, denn mit ihnen will Lapid nichts zu tun haben.

"Shinui" - das Wort bedeutet "Änderung" - war jahrelang ein Anhängsel der Linksunion "Meretz" und schien vor den letzten Parlamentswahlen 1999 der Auflösung entgegenzutreiben. Da wurde Lapid, den jeder Israeli unter seinem Rufnamen "Tommy" kennt, als Galionsfigur geholt. Er fuhr völlig unerwartete sechs Mandate ein. Jetzt prophezeien die Umfragen der "Partei der Nichtreligiösen und des Mittelstands" schon bis zu 17 Sitze.

Zu den Wahlversammlungen kommen kleine Gewerbetreibende, Beamte, Ingenieure. Der Mittelstand ist für den 71-jährigen Lapid, der sich als altmodischer mitteleuropäischer Liberaler definiert, die ausgebeutete Klasse, die mit ihrer hohen Steuerleistung den Staat noch irgendwie zusammenhält. Die Orthodoxen sind für ihn "Parasiten", die die politischen Fäden ziehen, obwohl sie nicht arbeiten und sich vor dem Armeedienst drücken. Lapid betont, dass er "weder rechts noch links" steht - er würde nur für eine "große" Koalition mit Likud und Arbeiterpartei zur Verfügung stehen.

Nahostpolitisch ist er für die Auflösung von Siedlungen und für den Bau eines Zauns zwischen Israel und den Palästinensergebieten, aber gegen einen einseitigen Rückzug - "das wäre ein Sieg für den Terror". Verhandlungen mit Yassir Arafat hält Lapid für sinnlos: "Arafat will keinen Frieden."

Ein Begriff war "Tommy" schon vor dem Einstieg in die Politik: als Autor eines Kochbuchs und eines Reiseführers, als Fernsehdirektor, vor allem aber als Journalist, der bei TV-Debatten immer wieder über die Religiösen herzog, so giftig, dass ihm sogar "Antisemitismus" vorgeworfen wurde.

Dabei ist Lapid durch den Holocaust geprägt, der auch seinem heißen israelischen Patriotismus zugrunde liegt. Als Tomislav Lampel wurde er im jugoslawischen Novi Sad geboren. Zu Hause sprach man Ungarisch, in der Schule Serbisch, das fließende Deutsch hat er "vom Kinderfräulein". Als Tommy zwölf war, wurde sein Vater von der Gestapo abgeholt, er starb in Mauthausen. Lapids Frau Schulamit ist Schriftstellerin, Sohn Jair moderiert eine Talkshow, Tochter Michal starb 1984 bei einem Autounfall. (Ben Segenreich/DER STANDARD, Printausgabe, 10.1.2003)