Wien - Instabilität und Unübersichtlichkeit des politischen Systems und Mangel an gesellschaftlichen und individuellen Zukunftsaussichten verkürzen das Leben: Auf diese Kernaussage lassen sich die Ergebnisse einer Großuntersuchung in Russland und weiteren sieben Ländern der ehemaligen Sowjetunion (Ukraine, Weißrussland, Moldawien, Georgien, Armenien, Kasachstan und Kirgistan) zusammenfassen. Hauptziel der Studie im Auftrag der EU war die Erforschung des drastischen Rückgangs der Lebenserwartung der russischen Männer in den 90er-Jahren. Koordiniert wurde das dreijährige Projekt vom Wiener Institut für Höhere Studien (IHS).

"Perspektivelosigkeit schlägt auf die Gesundheit durch", meinte IHS-Chef Bernhard Felderer am Donnerstag bei der Präsentation der Studie, an der 138 Personen drei Jahre gearbeitet haben. Das IHS hatte gegen starke internationale Konkurrenz den Zuschlag für die Projektleitung erhalten. In allen neun Ländern wurden repräsentative Umfragen zur gesundheitlichen, wirtschaftlichen und politischen Lage gemacht.

Lebenserwartung nach Ende der UdSSR gesunken

Die Lebenserwartung der russischen Männer sank in den ersten Jahren nach dem Ende der Sowjetunion 1991/ 92 dramatisch. 1994 lag sie 16 Jahre unter jener der russischen Frauen und 13 Jahre unter dem männlichen Durchschnitt Westeuropas. Inzwischen ist sie wieder leicht gestiegen, liegt aber immer noch unter dem Wert von 1990. Auch die Differenz zwischen den Geschlechtern hat sich wieder etwas verringert. Heute geborene männliche Russen können mit durchschnittlich 59 Lebensjahren rechnen, Frauen mit 71, also zwölf Jahren mehr. Im EU-Durchschnitt, der auch den Werten in Österreich entspricht, beträgt die Differenz nur sechs Jahre (Männer 75, Frauen 81).

Projektleiter Christian Haerpfer interpretiert die russischen Ergebnisse der Studie so, dass der gesellschaftliche und private Stress der Übergangszeit vor allem die Männer betroffen habe. Dabei spielten Sorge um den Arbeitsplatz oder Verlust desselben, meist in Verbindung mit starkem Alkohol- und Tabakkonsum, eine große Rolle. Dem gegenüber seien die russischen Frauen gesundheitsbewusster und Frauen generell stressresistenter.

Inzwischen hat die Zukunftsangst in Russland und den anderen GUS-Ländern etwas abgenommen. Immerhin 23,5 Prozent der RussInnen erwarten für die nächsten fünf Jahre eine Besserung ihrer wirtschaftlichen Lage. Und 54 Prozent hängen mittlerweile der Churchill-These an, wonach die Demokratie die schlechteste aller Regierungsformen sei - ausgenommen alle anderen. (jk, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 10.1. 2003)