Bild nicht mehr verfügbar.

Foto: APA/dpa

Rheinau - Das Hämmern des Baggers hallt kilometerweit durch den stillen Rheinwald an der Grenze zu Frankreich. Am Donnerstag wird in Rheinau im Ortenaukreis ein Bunker des so genannten Westwalls abgerissen - einer von insgesamt rund 20.000 Betonunterständen, die zwischen 1936 und 1940 von Basel bis Kleve entlang des 630 Kilometer langen Grenzgebiets zu Frankreich, Luxemburg und Belgien gebaut wurden. Der Grund: "Von den alten Verteidigungsanlagen geht eine Gefahr für die Menschen aus", erklärt Paul Schmitz, Sachverständiger des in Bonn ansässigen Bundesamtes für Bauwesen und Raumordnung.

Von den ehemals 20.000 Bunkern an der deutschen Westgrenze steht etwa noch die Hälfte. Neben den Bunkern umfasste die Anlage auch Hunderte von Stollenanlagen, Schützengräben, Panzergräben und 130 Kilometer Panzerhöcker. Die Nationalsozialisten stellten den Westwall als unbezwingbares Bauwerk dar und gaben ihm den Namen "Siegfried-Linie". Den alliierten Angriffen gegen Ende des Krieges hielt er allerdings nicht lange Stand: Bei den Kämpfen zwischen Ende 1944 und Anfang 1945 starben mehrere zehntausend Soldaten.

"Unmittelbare Gefahr"

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden laut Schmitz nach und nach etwa 10.000 Bunker beseitigt, weil sie "eine unmittelbare Gefahr für Leben und Gesundheit" darstellen. Ein hartes Stück Arbeit: Die Bauwerke sind 300 Tonnen schwer, etwa 15 mal zehn Meter groß und mit vielen Eisenbändern versehen worden. Ein Bagger mit einer hydraulischen Meißel zerhämmert den Beton nun Stück für Stück in ein bis zwei Tagen.

"Etwa 100 bis 200 Bunker werden im Jahr abgerissen", erklärt der Ingenieur. Seine Bonner Behörde werde nur auf Anforderung tätig, etwa wenn sich Polizei oder Grundstückseigner melden. "Dann werden die Anlagen auf Gefahren hin überprüft. Wir gehen peu a peu vor, es gibt kein Programm mit einer festgelegten Zahl", betont Schmitz. Es sei jedenfalls nicht geplant, alle Bunker dem Erdboden gleich zu machen. Rund 100 Stück stünden sowieso bereits unter Denkmalschutz, etwa 600 wurden an die Landesregierungen übereignet, oft aus Umweltschutzgründen, "weil in den Verteidigungsanlagen seltene Tiere wie Marder, Lurche oder Fledermäuse leben". Auch Museen seien in den Anlagen eingerichtet worden.

Gefahr durch Zerstörungen

Grund für den Abriss sind die Zerstörungen an den Bunkern. Nach dem Krieg waren die von Granaten und Bomben beschädigten Anlagen mit Munition gefüllt und anschließend von innen gesprengt worden. Dabei wurden die Bunkerdecken und -wände teilweise meterweit verschoben. Es bildeten sich gefährliche Spalten, Hohlräume wurden frei zugänglich, erklärt Schmitz. Absturzhöhen von bis zu zehn Metern oder spitze "Bewehrungseisen" hätten in der Vergangenheit bereits zu schweren und auch tödlichen Verletzungen geführt.

So sei Anfang der 70-er Jahre ein neunjähriges Mädchen beim Spielen in den Anlagen tödlich verletzt worden, einem Buben wurde der Daumen abgerissen, erzählt Schmitz. In beiden Fällen seien Ersatzansprüche an den Bund gestellt worden. Etwa im gleichen Zeitraum sei zudem ein Entführungsopfer an Unterkühlung in einem der Bunker gestorben. "Wir gehen davon aus, dass es eine hohe Dunkelziffer von Kindern gibt, die sich verletzt haben, ohne dass deren Eltern Ansprüche angemeldet haben", sagt der Ingenieur.

Aufregung

Die Aufregung um den Westwall, verursacht von einem "Spiegel"-Artikel, kann Ingenieur Schmitz nicht verstehen. Darin hatten Historiker und Archäologen sowie ehemalige Soldaten den Abriss der Verteidigungsanlagen als Geldverschwendung kritisiert. Das Argument der Gefahrensicherung will der Verein Interfest, der für den Erhalt der Anlagen kämpft, nicht gelten lassen: In den Alpen könne man sich beim Klettern ebenfalls tödlich verletzen und trotzdem käme keiner auf die Idee, sie abzutragen, zitierte das Nachrichtenmagazin einen Vereins-Vertreter.

Der Münsteraner Historiker Hans-Ulrich Thamer erklärte dem Blatt, dass die Bundesregierung die Bunker auch deshalb entfernen lassen wolle, weil Neonazis sie als geheime Treffpunkte nutzten. Dabei sollten sie vielmehr zur Aufklärarbeit genutzt werden, etwa indem sie in Museen umgebaut werden. Ein Kriegsveteran nannte die alten Kampfplätze "Gedenkstätten für die Toten". "Bei aller Liebe: Die meisten Bunker sind ziemlich kaputt", konstatiert dagegen der Sachverständige Schmitz. Dass sich Neonazis in den Bauten treffen, sei ihm nicht bekannt. "Die einzige Begründung für einen Abriss sind für uns mögliche Gefahren", betont er. Und die würden eben im Einzelfall geprüft. (APA/AP)