Peter Weibel: "Graz zeigt, was passiert ist: Die Wende von der Medien- hin zur performativen Politik."

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Graz hat sich als Kulturhauptstadt über Bauten und vor allem über Sprechakte neu erfunden, meint der Künstler, Kurator und Theoretiker Peter Weibel, Chefkurator der Neuen Galerie, im Gespräch mit Thomas Trenkler.


STANDARD: Graz war in den 60er- und 70er-Jahren die Hauptstadt der deutschsprachigen Literatur, eine Hauptstadt der Architektur. Was für eine Hauptstadt ist sie heute?

Weibel: Graz hat noch immer die Funktion, wie auch Alfred Kolleritsch es ausdrückte, ein Hohlspiegel zu sein, in dessen Brennpunkt sich das Schicksal von Österreich zeigt. Seinerzeit hat sich Graz am Postfaschismus abgearbeitet: Über Österreich wölbte sich eine Betondecke, und Graz war die in diesen grauen Himmel gezauberte Wolke. Beziehungsweise: Graz hat in diese Decke ein Loch geschlagen. Und heute zeigt Graz, was in Österreich passiert ist: die so genannte Wende. Sie war nicht einfach eine politische, sondern zeigt eine gewaltige Veränderung in der Politik insgesamt: die Wende von der Medien- hin zur performativen Politik.

STANDARD: Was ist unter einer solchen zu verstehen?

Weibel: Der Philosoph John L. Austin veröffentlichte 1964 den Klassiker über die Performativität: How To Do Things With Words. Ein Beispiel: Der Priester sagt, ihr seid verheiratet - und plötzlich betrachten sich zwei Menschen als für ein Leben lang aneinander gekettet. Jörg Haider ist in dem Moment, in dem die FP die Koalition einging, gescheitert. Denn seine Anhänger forderten von ihm, seine Worte in die Tat umzusetzen. Aber er zeigte es den Großen nicht. Haiders Demontage hat also nicht erst 2002 begonnen, sie setzte bereits im Februar 2000 ein: Das Schicksal des Schwätzers, des begabtesten Medienpolitiker Österreichs war besiegelt, weil er keine Führerqualitäten zeigen konnte - und in die Provinz abgeschoben wurde. Wolfgang Schüssel und Ernst Strasser hingegen sagen wenig. Aber wenn sie sagen, der Schnabl muss weg, dann ist er auch weg. Die Österreicher werden unter Schüssels Maßnahmen vielleicht leiden, aber es ist ihnen egal. Weil sie den Kanzler für seine illokutionäre Macht des Wortes bewundern. In Deutschland hat der Medienpolitiker Gerhard Schröder nicht rechtzeitig erkannt, dass die Leute heute eine performative Politik verlangen. Aber es ist so: Es gibt eine Rückkehr zu den Inhalten. Egal, welche Inhalte man verspricht, aber man muss sie umsetzen können.

STANDARD: Was hat diese Beobachtung mit Graz zu tun?

Weibel: Graz wählt demnächst. Die SP wird massiv Stimmen verlieren, unter 30 Prozent fallen. Weil Bürgermeister Alfred Stingl immer nur geredet - und nichts bewirkt hat. Diese performative Wende lässt sich auch an "Graz 2003" festmachen. Denn die Kulturhauptstadt besteht aus Selbstbehauptungen im Vertrauen auf die illokutionäre Macht des Wortes, wenn es heißt: "Wien ist ein Vorort von Graz." Oder: "Graz darf alles." Man versucht, mit Worten Fakten zu schaffen. Daher ist Graz die Stadt der performativen Wende. Aber Graz zeigt auch die Grenzen. Denn man kann mit Worten nicht alles beschwören. Wien wird nie Vorort von Graz sein. Beziehungsweise: Wenn Wien als solcher angesehen wird, dann darf man nicht den Fehler machen, jede Menge Wiener zu holen, um mit ihnen die wichtigsten Programmpunkte zu bestreiten.

STANDARD: Intendant Wolfgang Lorenz wollte der Stadt mit diesen Slogans ein neues Selbstbewusstsein einimpfen.

Weibel: Genau das kann der performative Turn: Graz 2003 war der Anlass, die Stadt neu zu erfinden. Die Neuerfindung greift auf zwei Techniken zurück. Die klassische operiert mit Bauten: Früher waren es Kirchen und Paläste, heute sind es eine Stadt- und eine Kunsthalle. Und zweitens erfolgt die Neuerfindung über Sprechakte. Eminem z. B. behauptet sich durch diese derart gut, dass er der erfolgreichste Musiker der Welt wurde. Weil er die Theorie am aggressivsten artikuliert.

STANDARD: Und die Konsequenz? Man merkt doch, dass die Graz-Slogans hohl sind.

Weibel: Wenn Graz diese Sprechakt-Technik auch ohne Lorenz durchhält, wird es sich behaupten können.

STANDARD: Graz wurde wohl auch aufgrund seiner Verdienste in den 60ern zur Kulturhauptstadt. Im Weibel-Beitrag für die Anthologie "Graz von außen", die demnächst bei Droschl erscheint, heißt es, dass die Schöpfer dieses "magischen Graz" - in Anspielung an Wolfi Bauers "Magic Afternoon" - "wenn überhaupt nur unangemessen vorkommen: Graz darf alles, aber einige dürfen nicht ernten, was sie säten."

Weibel: Leider. Aber man tut Lorenz Unrecht, wenn man ihm die Schuld zuweist: Er spricht nur das aus, was die Stadt schon lange will. Und die Stadt will diese kritischen Geister nicht mehr. Andernfalls hätte die Politik ihre Wünsche an Lorenz geäußert. Das hat aber, weil Lorenz eine Stafettenübergabe an die Jungen wollte, nichts mit dem Alter zu tun. Denn sonst würde man nicht Harnoncourt zur Galionsfigur der styriarte wie von "Graz 2003" machen. Aber mit Harnoncourt kann sich die Politik viel leichter identifizieren. Die Zukunft von Graz ist also nicht noch einmal auf Provokation begründet. Sondern man verfolgt ein Globalisierungsszenario: Man will weltweit anerkannt werden. (DER STANDARD, Printausgabe, 11./12.1.2003)