Gudrun Harrer

We are here, WAITING as you know, they say if you reverse an Iraqi you'll find his expiry date is in January!!! Genau so steht es in der E-Mail mit den Weihnachtsgrüßen der Freunde aus Bagdad. Was soll man ihnen fürs neue Jahr wünschen? Keinen Krieg und weiter im Oppressions- und Sanktionswahnsinn, einen kurzen Krieg und dass der "collateral damage" möglichst andere trifft, dass nicht der Mob aus den Slums von Saddam City über ihr nettes Reihenhaus in einem der besseren Bezirke herfällt, eine freundliche Nachkriegsregierung, die nicht - wie im in London verabschiedeten Entwurf der irakischen Opposition - die Scharia als die Rechtsquelle in die Verfassung schreibt? Was sonst noch?

Jedenfalls ist es jetzt Jänner, und die Auguren wissen, vor März wird es losgehen. Auf welcher Grundlage, weiß man allerdings nicht: Allem Anschein ist zumindest im Moment das eingetreten, was die Schüler von Daniel Byman (damals Rand Corporation, jetzt an der Georgetown University) immer schon befürchtet haben: Der Irak kooperiert mit den Inspektoren, und die finden nichts. In "A Farewell to Arms Inspections" schrieb Byman Anfang 2000 in Foreign Affairs, dass eine Wiederaufnahme der Waffeninspektionen überhaupt nicht wünschenswert sei (allerdings sprach er damals von einer sanfteren Variante von Inspektionen, ohne die starke, drohende Resolution 1441 vom November im Rücken): Was tun, wenn die Inspektoren Saddam Hussein bescheinigen müssen, dass auch die genauesten Inspektionen keinen Nachweis erbringen konnten, dass er noch in der Massenvernichtungswaffenproduktion steckt? Und wie lange soll man eigentlich suchen?

Aber da sind ja noch die Anschuldigungen, dass der irakische Rüstungsbericht nicht komplett sei - es sind genau dieselben Fragen offen wie 1998, als die Inspektoren den Irak verließen: Die (vom Irak nach dem Krieg 1991 angeblich unilateral vorgenommenen) Zerstörungen aller Scuds, allen biologischen und chemischen waffenfähigen Materials bleiben weiter unbewiesen; man könnte da aber auch ein paar Zweifel technischer und anderer Natur zugunsten des Irak anführen (dass in den Nachkriegswirren manches unkontrolliert vor sich gegangen ist, dass zwölf Jahre danach manches eben nicht mehr beweisbar ist). Aber dann kommen auch noch die fehlenden Angaben über die irakischen Aktivitäten in den letzten vier Jahren dazu: Soll und kann man etwa wirklich glauben, dass das Regime in Bagdad seither waffenmäßig aus dem Geschäft ist?

Die große Frage wird sein: Wenn nicht doch noch die USA und Großbritannien mit überzeugendem geheimdienstlichem Material herausrücken, lässt sich dann aus den tatsächlichen und vermuteten "Lücken" ein Casus Belli konstruieren? Resolution 1441 lässt offen, was genau ein "material breach", ein erheblicher Verstoß des Irak gegen die Resolution, ist, und wer diesen konstatiert. Material breach, das ist eben keine moralische Frage - wie das medial oft gehandhabt wird -, sondern eine juristische. Wer sich jedoch etwas mit dem Interpretationswirrwarr vorhergehender Irak-Resolutionen befasst hat, weiß, dass das trotzdem keine eindeutige Auskunft garantiert.

Aber zurück nach Bagdad, wo es den Menschen egal ist, welche Konstrukte dazu führen, Krieg ist ganz einfach Krieg. Die Freunde, die zwei kleine Kinder haben, haben das Angebot, Ende Jänner einen längeren Österreich-Urlaub anzutreten, abgelehnt, es wird schon nicht so schlimm werden, und die Mama wohnt seit ein paar Monaten gleich ums Eck, die kann man auch nicht alleine lassen. Es muss ein eigenartiges Gefühl sein, auf dem brennenden Pulverfass zu sitzen. Die Erwartung ist bei ihnen vielleicht nicht so abstrakt, wie sie bei uns wäre - sie haben das ja schon einmal miterlebt, es wäre überhaupt der dritte Krieg in ihrem Leben, und sie sind noch nicht vierzig. "Your family in Bagdad" unterschreiben sie ihre Briefe, trotzdem kann man sich nur ganz entfernt vorstellen, was die Diaspora-Iraker, die noch Verwandte im Irak haben, jetzt fühlen.

Das Mitleid mit der irakischen Zivilbevölkerung ist ja fast ein Tabuthema: Warum haben sie auch "ihre Sache nicht selbst in die Hand genommen"? Als sie es 1991 taten, war es für den Geschmack der USA zu früh: Lieber ein Saddam Hussein im Irak, als etwas zu tun, was Teheran zupass käme. Verständliche Realpolitik? Verständliche Realpolitik war es dann aber auch, dass die säkularen Iraker angesichts der demonstrierenden Schiitenmassen in den Siebzigerjahren meinten, das Baath-Regime sei im Vergleich zum Gottesstaat vielleicht das kleinere Übel.

Das Trauma von 1991, als die Alliierten zuschauten, wie die Republikanischen Garden die Aufstände niederbombten, hat jedenfalls die Iraker in die fixe Meinung versetzt, die USA wollten Saddam Hussein an der Macht halten, "da hat ihn die CIA wieder gewarnt", hörte ich 1996 in Bagdad, als er gerade wieder einen Putschversuch überstanden hatte. Das ist vorbei, obwohl, hat nicht die Bush-Administration gesagt, sie könnte auch mit einem "changed regime" - einem abgerüsteten, kooperierenden Saddam - leben, es müsse nicht unbedingt ein "regime change" sein? In ein paar Monaten wissen wir wahrscheinlich mehr. []

Am kommenden Montag leitet die Autorin dieses Beitrags ein "Montagsgespräch" zum Thema "Irak: Krieg oder Frieden". Teilnehmer sind: Faleh A. Jabar,
Birbeck College, London; Piet de Klerk, Atomenergiebehörde; Sipan Sedeek, Kurdistan Regional Government; A. Daniel Weygandt, US-Botschaft. 19.30 Uhr, Haus der Musik, Seilerstätte.