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San Francisco - Der Name des Vortrags klang harmlos: "Neue Einblicke in die Inselkette Hawaii". Der Inhalt des Referats jedoch sorgte für Aufregung. Denn demzufolge muss ein bisher anerkanntes Kapitel der Geologie umgeschrieben werden, dessen Schulbeispiel eben die Hawaii-Inseln sind.

Die Inselkette von Hawaii entstand, weil der Ozeanboden, die Pazifische Erdplatte, über eine Art gigantischen Schweißbrenner hinwegzieht. Dieser Schweißbrenner ist ein Schlot heißen Magmas (unterirdische Lava), der aus großer Tiefe aufsteigt. Seit Jahrmillionen brennt das Magma Löcher in den Pazifikboden und türmt Vulkaninseln auf, die bis über die Wasseroberfläche reichen. So entstand Hawaii. Die Pazifikplatte zieht kontinuierlich über diesen "Hotspot" hinweg, schleppt die Inseln mit. Voraussetzung für diese Theorie: Der Hotspot ändert seine Lage nicht.

Die Unbeweglichkeit der Hotspots - es gibt einige Dutzend - galt bisher als wichtiger Stützpfeiler der Geologie. Die Position der Hotspots wurde sogar zur Eichung der Erdplattenbewegungen herangezogen. Ausgerechnet das wird nun in Zweifel gezogen.

Die Inselkette von Hawaii ändert bei den Vulkanen, die vor 45 Millionen Jahren entstanden sind und 3000 Kilometer nordwestlich der Hauptinsel liegen, abrupt ihre Richtung nach Norden und setzt sich als so genannter Imperatorrücken fort. Dieser Knick wird auf eine Änderung der Wanderungsrichtung der Pazifikplatte zurückgeführt.

Forscher des Internationalen Tiefseebohrprogramms (ODP) stellten in jenem Vortrag in San Francisco nun neue Untersuchungen vor. Die Wissenschafter hatten von Bord eines Forschungsschiffes Bohrungen in den Imperatorrücken durchgeführt. Analysen der erbohrten Gesteine brachten das sensationelle Ergebnis: Die Quelle der Vulkangesteine, der Hotspot von Hawaii, hat sich bewegt.

Die Forscher stützen ihre Aussage auf magnetische Minerale in den Basaltgesteinen. Die Basalte entstanden aus Magma, das nach dem Austritt aus dem Schlot des Hawaii-Hotspots erstarrte. Die Magnetminerale richteten sich in dem noch flüssigen Magma wie eine Kompassnadel nach dem Erdmagnetfeld aus. Im erstarrten Gestein ist mit den kleinen Magneten die damalige Position, der Breitengrad des Gesteins festgehalten: Die gemessenen Standpunkte der Gesteine entlang der Imperatorberge - die aus derselben Quelle stammten wie jene der Hawaii-Inseln - haben sich stetig veränderten, können nicht auf der Position des heutigen Hawaii, sondern müssen viel weiter nördlich entstanden sein.

Die Entstehungsgeschichte von Vulkaninseln und auch Erdplattenbewegungen werden nach diesen Entdeckungen neu zu überdenken sein. (Axel Bojanowski/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 11./12. 1. 2003)