Mit großer Erleichterung wird das Printmedien konsumierende Publikum gestern festgestellt haben, dass die große Koalition schon längst unter Dach und Fach ist. Nicht die von Wolfgang Schüssel und Alfred Gusenbauer, nein, etwas wirklich Solides: Hannes Androsch und Claus Raidl haben die Sache in ihre wirtschaftspolitisch bewährten Hände genommen, den Wunsch des Bundespräsidenten nach einer Zusammenarbeit auf breiter und stabiler Basis mir nix, dir nix erfüllt und gemeinsam Journalisten zum Abendessen eingeladen.

Wo das Leistungsdenken regiert, ist so etwas ein Klacks, da können sich die Politiker ein Beispiel nehmen, die nach sechs Wochen Sondierens allmählich an eine Vertiefung ihrer Gespräche schreiten, ehe sie - ohne etwas zu überstürzen - über deren Verbreiterung zu einer Auslotung der Standpunkte kommen, worauf man nach einer Phase des Abwägens und Eingrenzens ans Feinabstimmen schreiten kann, um nach einem letzten Aufwärmen mit der Frohbotschaft an die Öffentlichkeit zu treten, alle Türen seien offen. Schließlich dürfe man niemanden ausgrenzen.

Mit echten gedanklichen Neuheiten konnten Androsch und Raidl bei Consommé mit Erbsenschöberl und Tafelspitz mit klassischen Beilagen nicht aufwarten, was aber nicht am Speiseplan lag, sondern daran, dass sie als Berater der ihnen jeweils politisch nahe stehenden Parteichefs dieselben längst mit jenen Ideen vertraut gemacht haben, die diese seit Wochen der Öffentlichkeit und einander vorlegen, was mit ein Grund ist, warum sich die Sondierungsgespräche noch nicht in den Rang von Regierungsverhandlungen aufschwingen konnten.

In der Grazer Kleinen Zeitung lief der Auftritt unter dem Titel "Eine seltsame Koalition liest der Regierung der Leviten", womit jene Regierung gemeint war, die noch auf sich warten lässt. Die Kraft heimischer Wirtschaftskapitäne, auf die Anforderungen der Zukunft zu reagieren, ist offensichtlich ebenso ungebrochen wie die Neigung, einer Regierung zu misstrauen, noch ehe sie ihre Arbeit aufgenommen hat. Das zeugt insofern von Klarsicht, als diese voraussichtlich wieder von Wolfgang Schüssel gebildet wird.

Die stabile Koalition Androsch/Raidl unterscheidet sich von der möglichen Schüssel/Gusenbauer also weniger in der Einschätzung des gesamten Reformvolumens, sondern in der Forderung nach jenen Tabubrüchen, die eine Reform erst zu einer echten machen sollen. Während die Spender des Tafelspitzes mit der erquicklichen Leichtigkeit des Seins von Männern, die keine Wahl hinter, keine Wahl vor und keine innerparteilichen Meckerer um sich haben, ihren Aufruf zum flächendeckenden Tabubruch unisono vortrugen, bekennen sich auch die Feinspitze des politischen Taktierens unisono zu Tabubrüchen, allerdings überwiegend zu jenen, die den jeweils anderen bei seiner Wählerschaft unmöglich machen sollen.

Ob auf diese Art je das Idealbild der Regierung zustande kommt, das Androsch und Raidl vorschwebt, muss zweifelhaft bleiben. Nach wie vor wissen wir nicht, ob Gusenbauer und Schüssel willens sein werden, diesen "kleinen, bescheidenen Beitrag pro Austria" in ihr Handeln einfließen zu lassen. Umso mehr ist daher zu würdigen, dass Androsch, glaubt man der Kleinen Zeitung, die Sphäre des Ideals - "Die Politik sollte überzeugen, argumentieren und dann zielbewusst handeln" - gelegentlich auch verließ und mit praktikablen Ratschlägen durchaus nicht geizte: Für eine funktionierende Regierung seien ohnehin nur sechs Leute nötig - "drei müssen drinnen und drei draußen sein".

Dann kam auch schon das Blutorangenparfait. (DER STANDARD, Printausgabe, 11./12.1.2003)