Goethe war nie in Graz. Auch Schiller nicht. Aber dafür Johann Gottfried Seume. Die Bürger seien, notierte er, ein "geselliges, joviales Völkchen; sie sprechen im Durchschnitt etwas besser Deutsch als die Wiener". Derart wohlwollend äußerten sich nicht alle Gäste über die Stadt. "Das ist ein langweiliges Nest, zum Gähnen eingerichtet", meinte beispielsweise Felix Mendelssohn Bartholdy. Und in Heldenplatz heißt es, in Graz müsse man nicht gewesen sein.

Oder so ähnlich. Das Brevier Europa erlesen Graz bietet das Zitat jedenfalls in zwei Varianten an. Aber nicht als eigenen Beitrag. Im Quellenverzeichnis sucht man Thomas Bernhard daher vergeblich. Hingegen findet man rund 150 Autoren oder Persönlichkeiten, die sich irgendwann in irgendeinem Zusammenhang zu Graz geäußert haben. Peter Vujica und sein Alter Ego Peter Daniel Wolfkind werden als eine Person geführt, Mathias Grilj und Max Gad hingegen als zwei. Die Mühe, die sich die Herausgeber Markus Jaroschka und Gerhard Dienes angetan haben, ist dennoch beachtlich. Zumal es ihnen gelang, die erstaunliche Fülle des Materials auf amüsante Art und Weise nach Themen oder Namen oder gar nur nach dem Umstand, dass man im Wilden Mann logierte, fließend zu strukturieren, ohne die dunklen Kapitel - Graz als Stadt der Volkserhebung - zu negieren.

Auf Tagebucheintragungen stößt man da (z. B. von Friedrich Hebbel und Arthur Schnitzler), auf Briefe (von Galilei an Kepler samt Antwort) und auf literarische Texte sonder Zahl - nicht nur von den üblichen Verdächtigen wie Handke, Bauer, Kolleritsch und Gruber, sondern auch von Italo Svevo oder Ulrich von Liechtenstein. Natürlich wurden etliche pointierte Stellen dem Band Graz von innen (1985) entnommen. Der Droschl Verlag wird demnächst übrigens eine Ergänzung anbieten: Graz von außen. Schließlich will man die Kulturhauptstadt feiern. Auch die Anthologie der Reihe Europa erlesen ist ein Projekt von "Graz 2003". Aber musste man wirklich als krönenden Abschluss den Beitrag von Intendant Wolfgang Lorenz aus dessen Programmbuch abdrucken? (ALBUM/DER STANDARD, Printausgabe, 11./12.1.2003)