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Foto: Archiv

Sie nennt ihn "Jelmertje", zu deutsch: "Jelmerchen". Sie schreibt ihm geheimnisvolle Briefe, in denen vage von Zukunft, Verständnis und Liebe die Rede ist. Sie vertröstet ihn auf den nächsten Morgen.

Und sie textet ihn abendelang am Telefon voll: Wie ihr während einer Aufführung ein Ausbruch der Menstruation das Kleid rot gefärbt und sie sich, dem Publikum den Rücken kehrend, durch den letzten Akt gequält habe (ihre beste Aufführung, Standing Ovation). Wie ihr Gatte Nico (Nicolein) die Briefe an Jelmerchen entdeckt, zu toben, sie zu verachten und dann zu saufen begonnen habe. Wie sie ihr "Spältchen", außer dem langjährigen Liebhaber (nicht Nicolein), einzig noch Jelmerchen gezeigt habe. Und wie "wir jetzt sehr vorsichtig sein müssen".

Das ist Daphne, die hellblonde ("weißhaarige") und strichdünne ("beinahe transparente") Diva, Primadonna, Principessa und was der Bezeichnungen mehr sind, die sich Jelmer van Hoff, der psychiatrisch emeritierte Geschichtslehrer und Benzodiazepen-Sammler ("Ich schlucke das Zeug nicht") für die Opernsängerin Daphne Sibelijn ausdenkt, die schon zu Schulzeiten seine große Liebe war.

Nicht nur der Leser durchschaut Daphnes Spiel mit dem gestrandeten, sinnigerweise in einem Hausboot lebenden van Hoff, auch Jelmerchen selbst kapiert schnell, dass die Diva nur ein Alibi gegenüber ihrem Mann, dem weltberühmten Archäologen Nico Sibelijn, sucht, um ihr langjähriges Verhältnis mit ihrem Gönner und Gesangslehrer zu decken. Nicolein soll auf den Sack schlagen, um den Esel zu schonen.

Jelmer weiß das alles - so wie er weiß, dass seine Frau Paula ihn mit dem eigenen (Jelmers) Psychiater betrügt, während er selbst sich still an dem Psychiater rächt, indem er all die verschriebenen Beruhigungsmittel nicht einnimmt. Jelmerchen spielt illusionslos mit: weil er Daphne liebt, weil er - mit einer rührenden Ausnahme - der einzige Mensch in diesem witzig-trostlosen Roman ist, der überhaupt zu lieben fähig ist. Die Ausnahme ist Jelmers und Paulas behinderte, von der Mutter verstoßene Tochter - wohl auch der einzige, aber triftige Grund, weshalb sich der Gestrandete nicht umbringt.

Dem sechzigjährigen Jeroen Brouwers, dessen leider vergriffener Roman Versunkenes Rot bereits eine Meisterleistung der Introspektion und der Leidensschilderung war (es geht darin um Brouwers Kindheit in einem japanischen Konzentrationslager) - hat mit Leichtigkeit, Humor und großer Sensibilität ein Thema gestaltet, an dem auch bestandene Autoren scheitern können. Geheime Zimmer ist weit mehr als eine skurrile Liebesgeschichte - es ist das Porträt der verlogenen intellektuellen Gesellschaft, die sich aufgeklärt gibt, in Wirklichkeit aber jedem Obskurantismus und jedem Schein verfällt.

Gerade deshalb geht Daphnes Spiel nicht auf: Die Boulevardpresse, verlängerter Arm der Vorurteile und Verkürzungen, mischt sich in die Geschichte ein. Jelmer und Daphnes angebliches Verhältnis wird vom "Stinkblatt" Skunk entlarvt, kolportiert, bebildert, mit den Mitteln von Montage und "Photoshop" aufgepeppt. Das als Montage Durchschaubare wird von allen geglaubt: von der anonymen Öffentlichkeit ebenso wie von Paula, Nico, Paulas Geliebtem, Nicos und Daphnes Sohn Arne. Und nun - da die Scheinaffäre öffentlich ist - müssen die Konsequenzen gezogen werden: Nico flüchtet sich in den Wahnsinn, Paula verlangt die Scheidung, Daphne bricht das (platonische) Verhältnis zu ihrem Jelmerchen ab.

So geht es - doch in den Details, in der Ausleuchtung der hohlen Innereien dieser intellektuellen Scheinwelt; in der bis zur Schmerzgrenze realistischen und doch unendlich liebevollen Beschreibung eines behinderten Kindes; in den aberwitzigen Monolgen der krankhaft narzisstischen Daphne muss das dargestellt, muss der Leser gleichzeitig durch Ironie und Distanz getröstet, durch sorgfältig gesetzte Wendungen und Peripetien über 430 Seiten bei der Stange gehalten werden, bis ein Fazit gezogen werden kann. Das sieht so aus: "Meine Wehmuts- und Heimwehanfälle, das erstickende Bewusstsein eines großen Verlusts, das mich manchmal befällt, als hätte ich einen Todesfall zu beklagen, gelten nicht Paula, von der ich mich mit Erleichterung habe scheiden lassen, sondern dem, was ich durch diese Scheidung habe preisgeben müssen: im Materiellen das Hausboot, im Immateriellen die Landschaft, in der ich wie Gras Wurzeln geschlagen hatte, die Weite, die Einsamkeit, die Stille - die ideale Umgebung für einen in sich gekehrten Pillenneurotiker . . . Jedes Detail ist noch auf meiner Netzhaut, jeder Geruch noch in meiner Nase, jedes Geräusch der Stille in meinen Ohren. Doch ich fühle mich wie ein Dieb, ich habe kein Recht mehr auf die Gerüche, Geräusche, Bilder."

Jeroen Brouwers scheint mühelos zu gelingen, womit sich manch deutscher Autor in letzter Zeit vergeblich abgequält hat - doch hat ihm diese Mühelosigkeit große Mühe bereitet, denn er schrieb fünf Jahre an diesem Buch. Selten hat man von einem Werk den Eindruck, der dargestellte Gegenstand könne an Raffinesse, Dramaturgie und Präzision kaum überboten werden - in den Geheimen Zimmern ist das der Fall. (ALBUM/DER STANDARD, Printausgabe, 11./12.1.2003)