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Eine fotogene Inszenierung für alle Welt: die farbenfroh beleuchtete Kulturhauptstadt Graz mit der neu errichteten Mur-Insel des US-Designers Vito Acconci im Vordergrund.

Foto: apa/gindl

Sie hätten unterschiedlicher kaum sein können: Das "Theater im Bahnhof" machte pointiert die Politikerreden des Festakts vergessen. Die TV-Gala hingegen grenzte an Peinlichkeit.


Wolfgang Lorenz, ORF-Stratege, kennt sich im Mediengeschäft aus. Und macht daher als nebenberuflicher Intendant der Kulturhauptstadt so gut wie alles mit, wenn es der Sache dient. Die von 3sat am Samstag live ausgestrahlte TV-Gala, proper moderiert von Desiree Nosbusch, verbrachte er, immer wieder ins Bild gerückt, auf einer Island in the Sun: am künstlichen Sandstrand samt Spielzeug im Liegestuhl. Irgendwie unpassend. Und peinlich.

Hatte er doch für den Vormittag einen schlicht grandiosen Festakt konzipiert und gewagt, der vorführte, dass auch fünf Politikerreden hintereinander (Bürgermeister Alfred Stingl, Frau Landeshauptmann Waltraud Klasnic, EU-Kulturkommissärin Vivi- ane Reding, Kanzler Wolfgang Schüssel und Bundespräsident Thomas Klestil) nicht langweilig sein müssen, wenn sie in ein entsprechendes Umfeld eingebettet sind: Das "Theater im Bahnhof" handelte das Programm der Kulturhauptstadt assoziativ ab (siehe das Transskript nebenan).

Zudem hatte die Laienspielgruppe, die in den letzten Jahren mit Wolfgang-Bauer-Stücken und Stegreif-Soaps brillierte, erstmals eine wirkliche Bühnenmaschine - die des Opernhauses - zur Verfügung: Monika Klengel, Ed Hauswirth und Helmut Köpping (Buch, Regie) beziehungsweise Silke Spath und Maria Gruber (Bühne, Dekor) nutzten sie perfekt für ihre Szenen im "Kulturbad", dessen dominanter Sprungturm zum Himmel fährt wie der Marienlift am Eisernen Tor.

Eingeleitet worden war die schrille Abfolge von Zoten, Gags und leiser Kritik (auch an den Politikern) von einer Videozuspielung: Wolfgang Lorenz, sein Stellvertreter Eberhard Schrempf und Manfred Gaulhofer, der Finanzchef, präsentierten sich als mafiosiartige Badewaschln - grimmig zum Publikum sprechend in Deutsch, Englisch und Russisch. Eine Überraschung. Für eine solche sorgte auch Klasnic: Sie las eine Rede vor, die sie bei Barbara Frischmuth in Auftrag gegeben hatte. Und die Schriftstellerin würdigte Wegbereiter wie Alfred Kolleritsch, die Lorenz als "Platzhirsche" denunziert hatte.

Der Abend hingegen - auch die TV-Gala hieß Graz fliegt! - konzentrierte sich auf spektakuläre und populistische Aspekte. Ellenlangen Interviews mit Ivica Osim und Henning Mankell stand z. B. ein nur einminütiger Beitrag zur von Peter Weibel kuratierten Ausstellung M-ARS gegenüber. (DER STANDARD, Printausgabe vom 13.1.2003)