Seit Tagen wird in der Türkei öffentlich debattiert, ob und, wenn ja, welche historischen Ansprüche das Land an der nordirakischen Provinz Mosul geltend machen kann. Dabei ist es kein Zufall, dass die Frage nach türkischen Ansprüchen an Mosul just jetzt wieder aufgegriffen wird. In der Provinz im Norden des Landes liegen rund um Kirkuk die größten Ölvorkommen des Irak, und bereits im Vorfeld des Krieges ist hinter den Kulissen ein heftiger Streit darüber ausgebrochen, wer im Post-Saddam-Irak die Ölquellen kontrolliert.

Während Washington plant, sich erst einmal selbst das Öl zu sichern, wollen die nordirakischen Kurden Kirkuk zur künftigen Hauptstadt ihres autonomen Gebietes machen, während die Türkei Kirkuk und Umgebung für die irakischen Turkmenen reklamiert. In dieser Situation überraschte Außenminister Ya¸sar Yaki¸s mit der Feststellung, die Regierung lasse untersuchen, ob womöglich noch ein historischer türkischer Anspruch an dem irakischen Öl bestehe. "Das Öl" so Yaki¸s, "gehört zwar dem Irak, aber es könnte sein, dass die Türkei noch Ansprüche geltend machen kann."

Hintergrund der Geschichte ist ein nie endgültig geklärter Streit zwischen der jungen türkischen Republik und dem britischen Empire in den Zwanzigerjahren des letzten Jahrhunderts. Im 1926 geschlossenen Friedensvertrag von Lausanne, in dem sich die Türkei mit den Besatzungsmächten, die das Osmanische Reich im Anschluss an den Ersten Weltkrieg weitgehend kontrollierten, einigte, blieb das damalige Velajat Mosul ein offener Streitpunkt.

Während die Türkei die osmanische Provinz für sich reklamierte, behielten die Briten das Gebiet zunächst weiter besetzt und gliederten es später in das neu gegründete Königreich Irak ein. Türkischer Teilerfolg

Schon damals wusste man um die reichen Ölvorkommen in dem Gebiet, weshalb die Türkei vor dem Völkerbund gegen Großbritannien klagte und einen Teilerfolg erzielte. Für 25 Jahre sollten die Briten die Türken an den Ölgewinnen beteiligen. Türkische Wissenschafter rechnen nun vor, dass der Irak unter den Haschemiten auch insgesamt 13 Jahre gezahlt habe, seit 1955 aber kein Geld mehr geflossen sei. "Theoretisch", so der bekannte Politologe Özdem Sanberk in Hürriyet, "sind noch zwölf Jahre offen."

Obwohl niemand ernsthaft glaubt, dass sich daraus einklagbare Rechte ableiten lassen, verschafft es einem möglichen militärischen Zugriff auf Kirkuk doch zusätzliche Legitimität. Nach israelischen Informationen sollen die Kriegsplaner im Pentagon bereits ein Konzept vorbereitet haben, wie sich der Konflikt zwischen den konkurrierenden Interessenten beilegen lässt. Danach sollen die Kurden akzeptieren, dass die türkische Armee zunächst Kirkuk besetzt und mittelfristig dort ein autonomes Turkmenen-Gebiet entsteht.

Im Gegenzug soll die Türkei die Autonomie des kurdischen Nordirak anerkennen und die Kurden einen festgelegten Anteil an den Ölgewinnen bekommen. US-Truppen würden dieses Arrangement langfristig absichern. (DER STANDARD, Printausgabe, 13.1.2003)