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Foto: apa/gindl

Die Kulturhauptstadt Europas feierte sich - und bis zu 80.000 Menschen legten den Verkehr lahm. Als Höhepunkt des Eröffnungsreigens von "Graz 2003" wurde am Samstag ein japanisches Feuerwerk mit explodierenden Herzen gezündet.


Die Maronibrater - die Edelkastanien werden in Graz nicht nach Stück, sondern achtelliterweise verkauft - machten das Geschäft ihres Lebens. Denn dass ein Stadtfest mitten im tiefsten Winter ausgerichtet wird, kommt so gut wie nie vor. Da muss Graz schon Kulturhauptstadt sein. Der lange Einkaufssamstag ging fließend in diese "Eröffnungsparty" über: Ab 16 Uhr wurde auf fünf Plätzen Musik gemacht - von Gruppen aus Russland und Rumänien, aus Slowenien und der Schweiz. Schräge Volxmusik war zu hören, Jazz, Punkrock, Klezmer. Und von den Kais wie von der Hauptbrücke starrte man auf die Mur-Insel von Vito Acconci, die zur nachmittäglichen Eröffnung nur von 350 Erwählten betreten werden durfte. Auch vom Edeggersteg gleich neben dem künstlichen Eiland aus hätte man das Defilee der Kulturmacher, Politiker und Adabeis, die auch am Vormittag dem Festakt im Opernhaus beigewohnt hatten, gerne beobachtet. Doch die Polizei ließ ihn sperren. Und so entging den meisten, was sich auf dem muschelförmig-monströsen Gebilde abspielte: Waltraud Klasnic, die Frau Landeshauptmann, tanzte mit Franz Fischler, dem EU-Agrarkommissär, und Viviane Reding, dessen Kollegin für Kultur, mit Alfred Stingl, dem Bürgermeister, zu Island in the Sun, dargeboten von der Reggae Explosion. Laut einer OGM-Umfrage im Auftrag der Kleinen Zeitung hätten sich 73 Prozent für einen Verbleib der Insel in der Mur auch über das Jahr 2003 hinaus ausgesprochen. Klasnic verkündete nun, nichts von einem Weiterverkauf zu halten: "Wir wollen die Insel auch in den nächsten Jahren und Jahrzehnten nutzen."

Champagnerlaune Diese Worte ließen Eberhard Schrempf, den Vizeintendanten von Graz 2003, aufatmen. Und einen heftigen Schluck Veuve Clicquot direkt aus der Flasche nehmen. Schließlich hatte er im Budget für die Demontage 180.000 Euro eingeplant, die jetzt anderweitig verwendet werden können. Beziehungsweise in eines der klaffenden Löcher fließen: Erst kürzlich hätte man laut Kronen Zeitung Kulturlandesrat Gerhard Hirschmann erfolglos um eine zusätzliche Subvention angehaut - für das von Japan finanzierte Feuerwerk. 50.000 bis 80.000 Menschen zog dieses 18-minütige Spektakel, das Schlag 19 Uhr von Schrempf und den wahlkämpfenden Stadtpolitikern gezündet wurde, an: Taxi war über Stunden keines zu bekommen, der Verkehr stand praktisch still. Ob es wirklich das größte Feuerwerk in der Stadtgeschichte war, sei dahingestellt: Sturm-Boss Hannes Kartnig ließ vor ein paar Jahren ein nicht weniger imposantes in die Luft jagen.

Bankomat-Reklame Das Zentrum war zu diesem Zeitpunkt bereits in eine riesige Reklame für den Bankomaten getaucht worden: Jakominiplatz und Herrengasse leuchteten in Blau und Grün. Zudem strahlte der Franzose Laurent Fachard die Kirchen und öffentlichen Gebäude mit Scheinwerfern in Regenbogenfarben an: Eine Stadt versank im Disneyland-Kitsch. Um 19.30 Uhr trotzen die Musiker wieder den arktischen Temperaturen. Und Roland Gift, kaum gealterter Frontman der Fine Young Canibals, schüttelte den Kopf angesichts der am Hauptplatz verharrenden Menge. Neben neuem Material gaben die Briten auch ihre Hits aus den 80ern zu Besten - von Blue über She Drives Me Crazy bis zum finalen Suspicious Minds. Der Marienlift von Richard Kriesche neben der Pestsäule beförderte unterdessen ohne Unterlass Normalsterbliche in lichte Höhen, und gut 8000 flanierten vom einen Mur-Ufer zum anderen über die mittlerweile für alle geöffnete Insel. Wirklich begeistert waren sie allerdings nicht. Denn sowohl die Arena war gesperrt als auch der überdachte Bereich, in dem künftig einmal ein Kaffeehaus untergebracht sein wird. Und selbst die Toiletten - aus Platznot am Ufer errichtet - waren geschlossen. Gegen halb zehn starb die Innenstadt schließlich ihren Kältetod. Nur am Andreas-Hofer-Platz werkten noch DJs. Und nach dem Auftritt von Absolute Beginner verlagerte sich das Geschehen in die neue Stadthalle, in der die von Felix Breisach, einst Assistent des Graz-2003-Intendanten Wolfgang Lorenz, inszenierte Eröffnungsgala Graz fliegt! stattfand: Gut 4000 gaben sich bis zum Morgengrauen die Party The cutting edge of japanese underground. (DER STANDARD, Printausgabe vom 13.1.2003)