Schon als Jugendliche hat sich Gertraud Meißl beim Bergsteigen für Landschaftsformen und deren Entstehung interessiert. Dass sie später auch wissenschaftlich mit Geomorphologie zu tun haben würde, hatte sie aber nicht vorausgeplant, sagt die Erforscherin von Naturgefahren: "Mein bisheriger beruflicher Weg hat sich eher durch verschiedene glückliche Fügungen ergeben, die meinen Interessen entgegen kamen."

Eine dieser günstigen Fügungen erwartete die gebürtige Linzerin am Ende ihres Geographie- und Mathematik-Studiums an der Uni Innsbruck, mit dem sie sich ihren Kindertraum, Lehrerin zu werden, erfüllen wollte: Ein Professor machte ihr das Angebot, gemeinsam mit Studienkollegen ein Auftragsprojekt für das Institut für Geografie abzuwickeln. "Dadurch fand ich Gefallen an der Arbeit an der Universität." Um sich ihr zweites, nicht-schulisches Standbein zu sichern, absolvierte Meißl parallel zum Uni-Projekt einen Hochschullehrgang für Geoinformationswesen an der Technischen Universität Wien - und erhielt wenig später die Chance, als Doktorandin an der Universität bleiben zu können.

Nach der Dissertation über das Thema "Modellierung der Reichweite von Felsstürzen" war allerdings zunächst Schluss mit Forschung: "Ich absolvierte das Unterrichtspraktikum, arbeitete dann noch an kleineren Uni-Projekten mit und wechselte dann als Sachbearbeiterin in ein Raumbüro." Der Zufall wollte es aber, dass das Geografieinstitut sieben Monate nach dem Wechsel nach jemandem suchte, der einen Antrag für ein Forschungszentrum zum Thema Naturgefahren-Management koordinieren sollte - und diese Möglichkeit konnte sie sich nicht entgehen lassen: "Nach der Doktorarbeit hatte ich bereits den Wunsch gehabt, weiter im Naturgefahrenbereich zu arbeiten, also nahm ich das Angebot an und kehrte an die Uni zurück."

An der Arbeit mit Naturgefahren fasziniere sie besonders der Anwendungsaspekt: "Die Möglichkeit, Ideen zu entwickeln, über ein Thema zu lesen, nachzudenken, Gedanken niederzuschreiben und in die Praxis umzusetzen." Mittlerweile ist sie bereits wieder mit einer großen Forschungsaufgabe beschäftigt: Im Rahmen ihres Hertha-Firnberg-Stipendiums will die 34-jährige Geografin einen bisher kaum beschrittenen Weg zur Dimensionierung von Hochwasserereignissen in Wildbacheinzugsgebieten einschlagen und den Prototyp eines Computer-Expertensystems dafür entwickeln. "Das Stipendium gibt mir die Gelegenheit, drei Jahre lang intensiv daran zu forschen und weiter zu lernen."

Weiterlernen ist für sie derzeit auch in der Freizeit aktuell. Allerdings aus Liebe: "Ich lerne abends Ägyptisch, um die Kultur meines Mannes, der Ägypter ist, besser verstehen zu lernen." Wenn dann noch Zeit bleibt, sagt Meißl, vertiefe sie sich außerdem von Herzen gerne in ägyptische Weltliteratur - die lese sie dann allerdings auf Deutsch. Isabella Lechner/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 11./12. 1. 2003)