Der Held ist eine Deutungsfigur der aufkommenden Neuzeit und bildete in der Geschichtsschreibung über die Formatierung Europas über einen rein geografischen Begriff hinaus den populärsten Ansatz. Diese leicht verständliche Erzählweise wurde von Film und Show-Sport wiederbelebt, den beiden an der Wiege des 20. Jahrhunderts entstandenen Populärmythen der korrespondierenden Kulturkreise Europa und Amerika.

Mit einem Helden kann man alles glauben machen, insofern ist Hermann Maier für den alpinen Skirennsport unbezahlbar, und der Skirennsport, die mythologisch ergiebigste Sparte des Wintersports, ist einer der Geburtshelfer des modernen Österreich. Der Skisport verwandelte die Todesregionen der winterlichen Alpentäler in bewohnbare, ja begehrte Gebiete, und Maier ist der letzte in einer langen Reihe von Missionaren.

Natürlich hatte er die Kulturisierung seines Heimatdorfes Flachau nie im Sinn, aber das Kennzeichen des Helden ist, dass ihm selbstverständlicherweise Wirkungen zugeschrieben werden, die weit über den Bereich des Menschlichen hinausgehen. Das macht ihn zum Identifikationsmuster - heute würde man sagen: sexy, das vereinfacht andernfalls urkomplizierte Zusammenhänge, das stempelt ihn zur Marke, zum idealen Sponsorenmodel.

Am 10. März 2001 feierte Maier in Aare mit dem RTL-Sieg seinen 41. Weltcup-Triumph. Am 24. August stößt den doppelten Olympiasieger, doppelten Weltmeister und dreifachen Weltcup-Gesamtsieger ein deutscher Tourist nieder. Maier erleidet einen offenen Unterschenkelbruch des rechten Beines, die Gefahr des Nierenversagens und der Amputation wird gebannt. Entgegen allen medizinischen Vorbehalten glaubt die Öffentlichkeit zum Entzücken von Verband und Sponsoren an Maiers Wiederauferstehung vor den Olympischen Spielen In Salt Lake City im Februar 2002.

Aber es dauert ein Jahr länger, bis zum 14. Jänner 2003, bis Maier in das Renngeschehen zurückkehrt, und wie eh und je fliegt ihm die öffentliche Glaubwürdigkeit zu. Sogar die Kommentare der durch menschliche Schwächen und Stärken kaum beeindruckbaren Trainer und Konkurrenten verraten in Maiers Fall schwärmerische Töne. Bode Miller (USA), der Weltcup-Gesamtführende, meinte: "Er ist ein großer Name, das ist gut für den Sport."

Was ist der Sport, wenn nicht eine Glaubenssache? Maier verletzte sich im Sommer in Chile wieder, als er schon glaubte, fast so gut wie früher zu sein. Er fürchtete, sein Bein sei zu kaputt und gefährdet für Skirennen, einen Monat später liebäugelte er mit der WM in St. Moritz (ab 1. Februar 2003). Jetzt fährt er wieder. Heute wird er über sich sprechen. Worüber sonst. (DER STANDARD, Printausgabe, Montag, 13. Jänner 2003, Johann Skocek)