Graz - Der Grazer Langzeit-Bürgermeister Alfred Stingl (S) verabschiedet sich aus der Politik - "nach 18-jähriger mustergültiger Tätigkeit", wie es SPÖ-Grande Heinz Fischer bei der Abschiedsgala nannte. Humanität und ein guter Umgang miteinander waren die politischen Leitmotive Stingls, der mit dem Kalachakra 2002 und der Eröffnung von "Graz 2003" eine Laufbahn krönte. Die Amtsübergabe erfolgt im März nach Konstituierung des am 26. Jänner neu gewählten Gemeinderates.

Der am 28. Mai 1939 in Graz geborene Stingl begann seine berufliche Laufbahn als Schriftsetzer wie viele andere prominente Sozialdemokraten. Über die Junge Generartion, deren Landessekretär er 1962 wurde, kam er in die Kommunalpolitik. Von 1968 bis 1973 war er Bildungssekretär der steirischen SPÖ, 1968 erhielt er einen Gemeinderatssitz, 1973 wurde er Stadtrat für Jugendwesen. 1980 wurde Stingl Obmann der Grazer Stadtpartei, 1981 kam er in den Bundesparteivorstand. Daneben war Stingl Mitglied des ORF-Kuratoriums, von 1980 bis 1986 saß er diesem auch vor.

Im Jahr 1982 wurde Stingl, verheiratet und Vater von zwei Kindern, Grazer Vizebürgermeister. Danach kam es zu einer ungewöhnlichen Lösung: 1983 bis 1985 wurde Stingls ÖVP-Gegenüber Franz Hasiba durch eine "Halbzeitvereinbarung" der erste ÖVP-Bürgermeister der Stadt Graz, 1985 übernahm Stingl dieses Amt. Seit dieser Zeit ließ Stingl es sich nicht nehmen, die ältesten Bewohner der Stadt jeweils zu ihren Geburtstagen persönlich zu besuchen: Die Vorliebe des Bürgermeisters für Topfenstrudel veranlasste viele ältere Damen, für sein leibliches Wohl zum Backblech greifen.

Stingl hat immer den guten Kontakt zu den anderen Parteien gesucht: Das galt zu Beginn der neunziger Jahre für den damaligen ÖVP-Chef Erich Edegger ebenso wie für den heutigen ÖVP-Finanzstadtrat Siegfried Nagl. Mit beiden setzte er Anliegen durch, die auch in den eigenen Partei nicht immer unumstritten waren - mit Edegger knapp vor der Gemeinderatswahl 1993 die Verkehrsberuhigung "Tempo 30", mit Nagl ein von der eigenen Partei nicht gutgeheißenes Budget. Zuletzt bezeichnete Stingl alle sich bei der Grazer Wahl bewerbenden Spitzenkandidaten als "honorige, verdiente, bewährte Persönlichkeiten" - bezeichnend für Stingls stets versöhnlichen Umgang. Toleranz betonte Stingl immer wieder in seinen Ansprachen und fand auch stets klare Worte, wenn etwa gegen bettelnde Roma in Graz agitiert wurde.

Der Langzeit-Bürgermeister hat mit seinen Vorhaben allerdings auch immer wieder Proteste hervorgerufen, etwa, als er im Dezember 1997 den Ehrenschutz über die Wehrmachtsausstellung übernahm. Einmütig gelang hingegen, was der begeisterte Wanderer als den bewegendsten Punkt in seiner Laufbahn nennt: "Die Eröffnung der wieder errichteten Synagoge im November 2000. Dass diese Schande von Graz als ehemalige 'Stadt der Volkserhebung' überwunden ist". (APA)