Karikatur: Jean Veenenbos/DER STANDARD

Eine kritische Bewusstseinsbildung der Journalisten erwartet etwa Dieter Wild, der frühere Chefredakteur des deutschen Nachrichtenmagazins "Der Spiegel", von einer qualifizierten Ausbildung. Für Andy Kaltenbrunner, Herausgeber des Buches "Beruf ohne (Aus)Bildung", entstehen dadurch "organisierte Denkräume für die berufliche Selbstreflexion" von Medienmitarbeitern. Mia Eidlhuber, Journalistin bei "Die Zeit", die selbst den einstigen profil/ trend-Magazinlehrgang in Wien absolvierte, streicht vor allem die Möglichkeit für wichtige und richtige Kontakte für Newcomer heraus.

Was rund 200 Universitäts-, Hochschul- und Fachhochschullehrgänge sowie prestigeträchtige Journalistenschulen in Deutschland längst ermöglichen, gibt es in Österreich erst ansatzweise: eine qualifizierte Grundlagenausbildung für Journalisten und Medienfachleute. Vergangenen Herbst startete in Graz der erste Studiengang für Journalismus und Unternehmenskommunikation; ab Herbst 2003 soll es nun ein Äquivalent am größten Medienstandort Österreichs geben: Die Fachhochschule der Wiener Wirtschaft will einen Studiengang für Journalismus, Content- und Medienmanagement einrichten.

Grundlagen dafür wurden in einer ausführlichen Studie unter Leitung des Medienexperten Andy Kaltenbrunner erstellt. Neben Mitarbeitern der Kaltenbrunner-Medienberatung waren auch die Publizistikprofessoren Thomas Bauer (Wien) und Matthias Karmasin (Klagenfurt) sowie Journalisten und Medienentwickler beteiligt. Kaltenbrunners Fazit: "Österreich hinkt in diesem Feld weit nach. Was international selbstverständlich ist und in Deutschland geradezu in einem Übermaß angeboten wird, gibt es de facto in Österreich noch nicht."

Besonders augenscheinlich sei dies in Wien, das als zentraler Medienstandort sogar hinter Qualifizierungsinitiativen in Städten wie Graz, Klagenfurt, Krems, St. Pölten oder Salzburg zurückbleibe. Dem gegenüber stehe ein steigendes Problembewusstsein in der Medienbranche selbst. "Nimmt man die Lippenbekenntnisse aus der Branche für eine Qualitätssteigerung ernst, so ist eine Voraussetzung dafür eine adäquate Ausbildung für Medienmitarbeiter", meint denn auch Studienautor Kaltenbrunner. Als erfolgversprechend wurde die Einrichtung von Fachhochschulstudien empfohlen.

Steigendes Interesse

Das Interesse an journalistischen Ausbildungsmöglichkeiten wächst zusehends. So sind derzeit mehr als 8500 Studenten an kommunikationswissenschaftlichen Instituten der Universitäten Wien, Klagenfurt und Salzburg inskribiert. Nach Psychologie ist demnach Publizistik und Kommunikationswissenschaften die meistbesuchte unter den human- und kulturwissenschaftlichen Studienrichtungen in Österreich. An postgradualen oder sonstigen Weiter- beziehungsweise Ausbildungsmöglichkeiten nehmen jährlich zwischen 700 und 800 Personen teil. Und am neuen Fachhochschulstudiengang in Graz meldeten sich gleich dreizehnmal so viele Interessenten, wie Studienplätze zur Verfügung standen. Die Studienautoren gehen deshalb von etwa 600 Interessenten für die neuen Studiengänge Journalismus, Content- und Medienmanagement in Wien aus.

Um einen raschen Start der Journalisten- und Medienmanagerausbildung zu ermöglichen, hat sich die Stadt Wien bereit erklärt, die Finanzierung eines ersten Studienganges zu übernehmen, dann soll der Bund einsteigen.

Und was sollen die künftigen Medienprofis nun lernen? Der künftige Studiengang will zwei Spezialisierungen anbieten: journalistische Ausbildung für Print- und elektronische Medien sowie Medienmanagement. Neben wirtschaftlichem, rechtlichem und wissenschaftlichem Grundlagenwissen sollen journalistische Grundqualitäten wie etwa Perspektivenvielfalt, Sachlichkeit, Genauigkeit in der Recherche ebenso vermittelt werden wie guter Stil. Während sich die künftigen Medienmanager mit Marketing, Organisationsführung und Fragen der Medienproduktion auseinander setzen müssen, werden Journalisten zusätzlich visuelle Kommunikation sowie unterschiedlichste Darstellungsformen lernen müssen. Die vierjährige Ausbildung beinhaltet auch ein ausführliches Praktikumssemester und wird mit einer Diplomarbeit abgeschlossen. (red/DER STANDARD, Printausgabe, 11./12. Jänner 2003)