"Illegale Tauschbörsen wird es immer geben." Relativ resignativ gab sich Cary Sherman, Präsident der Recording Industry Association of America, der Speerspitze im rechtlichen Kampf gegen Gratismusik aus dem Internet, dieser Tage in einem BBC-Interview. Die einzige Chance in ihrem Kampf gegen die "Piraten" könne sein, den Kunden eine legale Alternative zu bieten.

Krise

Die Musikindustrie steckt weiter in der Krise: Im größten Markt, in den USA, wurden im Vorjahr laut den Marktbeobachtern von Nielsen Soundscan um elf Prozent weniger bespielte Tonträger verkauft. Auch in Österreich dürfte der Rückgang an der Zehnprozentgrenze liegen, in der bis dato aktuellsten Branchenstatistik vom Halbjahr 2002 las man von – auch durch die Libro-Pleite bedingten – minus 9,8 Prozent. Für die Industrie sind die Schuldigen schnell gefunden: Musikverschub über das Netz der Netze sowie Raubkopien. In vielen Märkten – so auch in Österreich – übersteigt die Zahl der verkauften CD-Rohlinge längst jene der mit Musik bespielten Silberscheiben.

Neuer zäher Gegner

Konnte die Industrie den Pionier der Peer-to-Peer-Tauschplattformen, die mittlerweile legendäre kalifornische Firma Napster (1999-2001), noch in Grund, Boden und Konkurs klagen, funktioniert das etwa beim derzeitigen Favoriten der User, KaZaa, nicht mehr. Erstens ist das System technisch gesehen dezentralistisch aufgebaut. Zweitens ist die Firma Sharman, die das dazugehörige Programm Media Desktop gratis zur Verfügung stellt, sehr multinational: Die Entwickler sind Esten, der Firmensitz wurde auf die Südseeinsel Vanuatu verlegt, weil diese keine Rechtshilfeabkommen hat und die Chefin, Nicola Hemmings, gibt sich – im Gegensatz zu Napster-Erfinder Shawn Fannings – sehr öffentlichkeitsscheu.

Statistisch

Laut Shaman haben 160 Millionen Menschen das Programm auf ihre Rechner geladen, jederzeit sind etwa drei Millionen online, doppelt so viele wie bei Napster zur besten Zeit. Die Plattenindustrie wollte zwar schon rechtlich gegen KaZaa, Grokster, Morpheus und andere Tauschplattformen vorgehen, der Prozess in den USA wurde aber Ende 2002 vertagt.

Aufgrund der zunehmenden Bandbreiten wird File-Sharing immer schneller und verlässlicher, Kopien mit besserer Qualität und höherer Datenmenge können so verschickt werden. Dies könnte auch der Industrie nützen: Laut Jupiter Research sind europäische Verwender von Breitbandnetzen stärker bereit, für Inhalte aus dem Netz zu bezahlen als die Narrowband-User.

Halbherzig

Die Firmen bringen derzeit nur halbherzig Alternativen (Pressplay und andere), die es mit dem Gratisangebot aus dem Netz bei weitem nicht aufnehmen können. Und setzt stattdessen auf kopiergeschützte CDs. Diese können in Computerlaufwerken nicht abgespielt werden (auch nicht in manchen Autoanlagen) beziehungsweise nur mit einem kostenpflichtigen Zusatzprogramm, wie bei Sony.

Aber: Eine Expertengruppe des Softwareriesen Microsoft schrieb unlängst in einem Aufsatz, dass kein Kopierschutz derzeit technisch unüberwindbar sei und außerdem die Kunden schon prinzipiell verärgere.

Abgaben

Konsumentenschutzorganisationen in den USA und Europa schlagen als Alternative zu restriktiven Maßnahmen Abgaben auf Brenner, Abspielgeräte und Internetdienste vor. (Leo Szemeliker/DER STANDARD, Printausgabe, 13. 1. 2002)