Wien - Im Hinblick auf eine adäquate Besprechung der Konzerte Sir Simon Rattles scheint es dringend geboten, die Einrichtung eines Sir-Simon-Rattle-Konzerte-Lobpreisungsinstituts (SSRKL) anzuregen, ist es doch Einzelnen kaum möglich, die Genialität dieses Menschen angemessen in Worte zu fassen.

Das SSRKL hätte die präzisesten Analytiker und die wortgewaltigsten Dichter des Landes zu einen in der Aufgabe, die Einzigartigkeit der Dirigate des Briten beschreibbar zu machen, also: sensationellste Musik zu ebensolchem Wort werden zu lassen. Bis das SSRKL seine Aufgaben aufnimmt, sollte es den Berichterstattern von Rattle-Konzerten - kapitulierend vor der Wunderhaftigkeit des Erlebten - erlaubt sein, ein einfach-glückliches "so super" als Summe ihres Konzertbesuchs anzuführen.

Nun denn: Nach einem guten Dirigenten und einem faden Programm im Philharmonischen Nr. 1 (Ozawa, Saint-Saëns, Orgelsymphonie), einem faden Dirigenten und einem guten Programm (Barenboim, Wagner, Tristan und Isolde) im Philharmonischen Nr. 2 nun endlich ein (sehr, sehr) guter Dirigent und ein ziemlich gutes Programm.

Eröffnet wurde mit einer nicht unwitzigen, nachgelassenen Petitesse von Edgar Varèse (italienischstämmiger Franzose, Satie-Freund, Rodin-Sekretär, 1883-1965): Tuning up. Varèse ließ hier den kakofonischen Stimmprozess eines großen Orchesters Partitur werden, was dem Publikum sehr zusagte und die Coiffuren der Damen wie wild hin- und herschwuppen ließ infolge spontaner Begeisterungsmitteilung.

Anklänge an Berg, Wagner, Mahler, Stepdance-Rhythmen und ein "Trauer-Foxtrott": In seinem Werk Dancing in the Dark, einem Auftragswerk der Wiener Philharmoniker, vermengte HK Gruber dieses und vieles mehr. Der seit kurzem sein siebtes Lebensjahrzehnt durchmessende Künstler ist ein Dionysischer, von Ideen Überquellender, die Philharmoniker und der dem Komponisten seit einem Vierteljahrhundert verbundene Dirigent bewältigten das komplexe, mal permutierende, mal dreiklangsschichtende Konzertstück für großes Orchester korrekt und engagiert, wenn auch nicht mit der allerletzten Souveränität. Eine Freude mitzuerleben, wie Gruber nach vollbrachter Erstinterpretation seines Werkes eine jede Philharmonikerhand, die sich ihm darbot, zu ergreifen suchte und aparte helikopterartige Winkbewegungen in Richtung Orchester vollführte.

Nobel, subtil, transparent, virtuos, prall, wuchtig, grandios dann Ein Heldenleben von Richard Strauss. So super. (DER STANDARD, Printausgabe, 14.1.2003)