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Als George H. Ryan Anfang 1999 sein Amt als Gouverneur von Illinois antrat, war die Todesstrafe, die in seinem Staat 1977 wieder eingeführt worden war, kein Thema: "Die Todesstrafe war nirgendwo auf dem Radar", erklärte Ryan später. Obwohl er sich - für einen Republikaner ungewöhnlich - für eher linke Anliegen wie Waffenkontrolle und mehr Rechte für Homosexuelle ausgesprochen hatte, war die Todesstrafe von ihm zunächst befürwortet worden.

Sehr bald änderte der Gouverneur jedoch seine Meinung: Eine Gruppe von Journalismusstudenten hatte einen Detektiv angeheuert und die Unschuld des 1993 zum Tod verurteilten Anthony Porter bewiesen. Aufgrund von DNA-Analysen mussten weitere 13 Personen aus den Todeszellen von Illinois als unschuldig entlassen werden.

Anfang 2000 verhängte Ryan ein Moratorium für alle Vollstreckungen und setzte eine Kommission ein, die zwei Jahre später eine gründliche Revision des Systems empfahl; sollte dies unmöglich sein, müsse die Todesstrafe abgeschafft werden. Im Oktober 2002 begannen Begnadigungsverfahren für nahezu jeden Insassen der Todeszellen. Kurz vor seinem Ausscheiden als Gouverneur begnadigte Ryan sieben Personen und wandelte die Todesurteile aller anderen zum Tode Verurteilten in lebenslange Haft um.

Nichts in seinem Lebenslauf deutete darauf hin, dass der 1934 im Bundesstaat Iowa geborene Ryan einmal als Gouverneur Geschichte schreiben würde. Er besuchte das Ferris State College und wurde Pharmazeut, um später eine Kette von familieneigenen Apotheken übernehmen zu können. 1973 wurde Ryan, der auch in der US-Armee gedient hatte, zum Senator gewählt und nahm von 1983 bis 1991 die Position des Vizegouverneurs ein. Von 1991 bis zu seiner Wahl zum Gouverneur im Jahr 1998 diente er als Innenminister von Illinois.

Seit seinem Amtsantritt als Gouverneur stand Ryan, der derzeit im Mittelpunkt heftiger Debatten um die Todesstrafe steht, im Kreuzfeuer der Kritik: Er wird beschuldigt, in einen Bestechungsskandal verwickelt gewesen zu sein. Und seine Parteifreunde machen ihn für den Verlust des Staates Illinois an die Demokraten bei den Wahlen 2002 verantwortlich.

Sogar die Frau von Ryan, Lura Lynn, - die beiden haben fünf erwachsene Kinder, darunter Drillinge, und vierzehn Enkel - war böse und enttäuscht über die letzte Amtshandlung ihres Mannes. Ryan bleibt gelassen: "Ich werde heute ruhig schlafen", erklärte er nach seiner letzten Rede, "im Wissen, die richtige Entscheidung getroffen zu haben." Seine Haltung hat ihm jedenfalls eine Reihe von Freunden eingebracht: Eine Gruppe von Gegnern der Todesstrafe setzt sich für die Verleihung des Friedensnobelpreises an ihn ein. (Susi Schneider/DER STANDARD; Printausgabe, 14.1.2003)