Die Situation in Venezuela gleicht zwei Zügen, die ungebremst aufeinander zufahren. Sowohl die Opposition als auch die Anhänger von Präsident Hugo Chávez sind nicht bereit nachzugeben. Die Opposition hat wohl damit gerechnet, dass Chávez nach einigen Tagen Generalstreik zurücktritt. Obwohl der Ausstand schon mehr als vierzig Tage andauert und vor allem die Einnahmen der staatlichen Ölgesellschaft nicht mehr sprudeln, ist Chávez bestrebt, alles auszusitzen.

In dieser Situation zeigt sich der Exputschist, der im Jahr 1998 durch Wahlen zum Staatsoberhaupt avanciert ist, als Militär: Für ihn geht es um Sieg oder Niederlage. Chávez spielt jetzt sein populistisches Gespür voll aus: Er setzt auf seine eigene Fernsehshow "Aló Presidente", besucht gezielt Armenviertel wie am Wochenende La Vega in Caracas, wo seine glühendsten Anhänger zu finden sind.

Er lädt zu Massenveranstaltungen in ein Sportzentrum ein und bezeichnet die Oppositionsanhänger als Faschisten, Terroristen, Putschisten und Vaterlandsverräter. Die Gegner fordern nicht eingehaltene Versprechen Chávez' etwa bei der Armutsbekämpfung ein und kritisieren diktatorische Machtstrukturen in Venezuela.

Die Situation eskaliert immer mehr, wobei jede Seite das Ihre dazu beiträgt: Am Sonntag versuchten die Chávez-Gegner zum zweiten Mal zur größten Kaserne des Landes in Caracas vorzudringen. Beim letzten derartigen Versuch am 3. Jänner gab es nach Straßenschlachten mit Chávez-Anhängern zwei Tote.

Die Demonstranten versuchen auch, die Militärs zu provozieren, die bisher noch mehrheitlich zum Präsidenten stehen, auch wenn laut Chávez tausend Armeeangehörige wegen Unterstützung der Opposition entlassen worden sind. Weiteres Blutvergießen ist zu befürchten, und auch ein Bürgerkrieg ist ein realistisches Szenario.

Die Situation in Venezuela hat Bedeutung über das 25-Millionen-Einwohner-Land hinaus - nicht nur, weil der südamerikanische Staat der fünftgrößte Erdölexporteur der Welt ist und der Förderstopp den Rohölpreis nach oben treibt. Venezuela könnte sich als Menetekel für den Aufstieg und Fall von Linkspopulisten in ganz Lateinamerika erweisen. Denn die Probleme in dieser Region sind ähnlich gelagert: große Armut, soziale Spannungen und Korruption.

In Ecuador wird am kommenden Mittwoch mit Lucio Gutiérrez ein Präsident vereidigt, der eine ganz ähnliche Biografie wie Hugo Chávez aufweist: Der Militär ist ebenfalls wegen Beteiligung an einem Putsch im Gefängnis gewesen und hat sich im Wahlkampf einer ähnlichen, stramm linkspopulistischen Rhetorik befleißigt.

In Brasilien ist der gerade angetretene Präsident und frühere Arbeiterführer, Luís Inácio "Lula" da Silva, dabei, Wahlversprechen einzulösen. Es zeugt auch von gewissem Populismus, dass er den Ankauf von Flugzeugen für die Armee zugunsten der Finanzierung eines Programms zur Armutsbekämpfung ausgesetzt und dies bei "Hungermärschen" in den Elendsvierteln verkündet hat.

In Peru wiederum macht der vor knapp zwei Jahren angetretene Präsident Alejandro Toledo gerade die Erfahrung, wie schwierig es ist, die im Wahlkampf gemachten Ankündigungen umzusetzen. Er sieht sich vor seinem Präsidentenpalast mit Demonstrationen von enttäuschten Anhängern, vor allem aus der Unterschicht, konfrontiert. Und wer bei den Wahlen in Argentinien das Rennen macht, ist noch völlig offen.

In Venezuela setzt die Opposition offen auf einen Militärcoup, um den Präsidenten zu stürzen. Der Armee kommt damit eine Schlüsselposition zu. Wenn sich das durchsetzt, wäre dies ein schlechtes Beispiel für die anderen Länder, wo sich Linkspopulisten vom Schlage eines Hugo Chávez ebenfalls als Heilsbringer anpreisen und die Begeisterung rasch in Enttäuschung umschlagen kann. Die Entwicklung in Venezuela zeigt auch, wie fragil die Demokratie in dieser Region ist.
(DER STANDARD, Printausgabe, 14.1.2003)