Bild nicht mehr verfügbar.

Hugo Chavez in "Aló Presidente!"

Foto:APA/AFP/Solorzano

Hundert stehen seit dem Morgengrauen an, um einen Platz zu bekommen. Gegen Mittag erscheint Hugo Chávez zur Aufzeichnung von Aló Presidente, der sonntäglichen TV-Show des Präsidenten, einer Mischung aus Agitation, Verfassungsvorlesung, Call-in und Witzeleien, in der Chávez die Hauptrolle spielt.

Im Großraumbüro des Hafenzolls, in dem diesmal die Show aufgezeichnet wird, sitzt handverlesenes Publikum und steht wie in der Kirche auf, als Chávez erscheint. Er wünscht allen ein gutes neues Jahr 2003. "2 und 3. Das ist leicht zu merken. Wir sind im fünften Jahr der boliviarianischen Revolution." Dann widmet sich der Präsident einem ernsten Thema: der Opposition, also den "Faschisten, Putschisten und Verrätern". Dann knöpft er sich die privaten Medien vor: Zeitung für Zeitung, TV-Kanal für TV-Kanal, Radiostation für Radiostation. "Uuuh, uuh", ruft Chávez und beschreibt, wie er sich von Frequenz zu Frequenz vorarbeitet. Die Informationsministerin Nora Uribe neben ihm schiebt ihm mit Leuchtstift markierte Zettel zu. "Nur Lügen. Sie führen Krieg gegen uns". Uribe nickt.

Dann ist es Zeit für eine Auflockerung, der erste Anrufer wird durchgestellt. Er klagt, dass wegen des Streiks die Versorgung mit Nahrungsmitteln immer schwieriger werde. "Organisieren Sie sich, essen Sie zusammen, laden Sie Nachbarn ein", rät der Präsident. Und fragt nach: Was gibt's noch? "Wir wollen ein Denkmal für Chávez errichten." Der Präsident verschluckt sich fast vor Lachen. "Da könnten sich einige gestört fühlen", grinst er. Dann wird ein alter Freund durchgeschaltet, und die ganze Nation kann zuhören, wie er durchfragt, wie es der Mutter, dem Vater, den Kindern geht.

Schließlich kommen auserwählte Zuhörer im Saal zu Wort: eine Frauengruppe und sechs Militärs, die alle ihre Unterstützung versichern. "Das ist auch kein Kampf für Chávez, sondern für das Vaterland", deklamiert Chávez und hält die Verfassung in die Kamera. Nach vier Stunden macht sich im Publikum Müdigkeit breit, Kaffee wird gereicht. Da holt er zu seinem größten Coup aus und präsentiert einen Soldaten, der in Kuba operiert wurde: "So hilft uns das befreundete Kuba."

Dann darf die 16-jährige Schülerin Marietta zu Wort kommen, die sich als Verehrerin zu erkennen gibt. "Hast du einen Führer?", fragt der 48-Jährige grinsend. "Senior Presidente, Sie", schmachtet sie zurück - und Chávez greift sich ans Herz. Nach sechs Stunden, als selbst die Militärs aufgehört haben, Scherze des Präsidenten mitzuschreiben, fragt Chávez, wo sein bisheriger Rekord bei einer Sendung liege: Sieben Stunden. "Also machen wir weiter." (DER STANDARD, Printausgabe, 14.1.2003)