Momentan wird es wieder besonders deutlich: Journalisten mischen in der Diskussion über "gesellschaftliche Führung" kräftig mit - in außenpolitischen Kommentaren, in innenpolitischen Präferenzen, in kulturellen Gendebatten. Aber: Die oft ins Privateste reichende Verbindung von Journalismus mit Macht, von vermeintlicher Elite mit Elite, ist kein Vorzug, sondern eine Strukturschwäche: Wie verhält es sich hier noch mit der Verfassungsgarantie (und dem Verfassungsauftrag) der "Meinungsfreiheit" und Unabhängigkeit? Und: Wie eng verflochten sind in der europäischen und amerikanischen Demokratie gesellschaftliche Eliten?

Im Lichte solcher Fragen wird ein scheinbar "nur" Fälle der deutschen Zeitgeschichte behandelndes neues Buch höchst aktuell: Die Kommunikationswissenschafter Lutz Hachmeister und Friedemann Siering haben die journalistische Elite der deutschen Leitmedien - von der "FAZ" über "Die Zeit" bis zum "Spiegel" - untersucht und dabei große Kontinuitäten vom "Dritten Reich" in die Demokratie festgestellt: Die Herren Journalisten.

Dieses Buch verhilft zur Selbstreflexion und lehrt einen Berufsstand Skepsis, der - schwebend über den gesellschaftlichen Segmenten von Politik und Kultur - für die Berufskrankheit der Allmachtsfantasie anfällig und von Machtversprechen zu verlocken ist. Führungsansprüche werden aber schnell brüchig, wenn man auf die politische Korrumpierbarkeit von Einzelnen in wechselnden Machtgefügen blickt. Zwei Fallbeispiele:

"FAZ" & NS-Mitläufer

Im ersten, fünfköpfigen, Herausgeberkollegium der 1949 gegründeten Frankfurter Allgemeinen Zeitung saßen gleich drei schwerer vorbelastete Herren, die in der NS-Zeit schon Journalistenkarriere gemacht hatten (Erich Welter, Paul Sethe und Karl Korn). Der Feuilletonchef Korn verkörperte dabei das janusgesichtige Mitläufertum, das sich schnell neuen Gegebenheiten anpasst: Einerseits förderte Korn schon früh Heinrich Böll; anderseits druckte er aber bedenkenlos eine Thomas-Mann-Verunglimpfung, in welcher der Autor Gerhard Nebel den Nobelpreisträger als "Anwalt der östlichen Schinderwelt" diffamierte. Da kannte sich Karl Korn selbst wohl aus, schließlich hatte er 1940 Veit Harlans Jud Süß-Film euphorisch rezensiert.

"Spiegel" & Gestapo

Fast noch schockierender ist die Frühgeschichte des "Spiegels". Sie zeigt, dass hier nicht nur - wie von den britischen Presseoffizieren bei der Gründung 1947 beabsichtigt - amerikanische Magazine wie "Time" Pate standen, sondern auch die menschenverachtende Hetzsprache von Reinhard Heydrichs "Reichssicherheitsdienst". So besetzte Rudolf Augstein 1952 die Ressorts Ausland und Internationales mit Horst Mahnke und Georg Wolff, ehemalige SS-Offiziere und Spezialisten im "Sicherheitsdienst": Mahnke etwa hatte für die Zeit nach der beabsichtigten Besetzung Englands die Proskriptionslisten geschrieben: Elitejournalisten können eben schreiben. Egal, was.

Dass in der "Spiegel"-Frühphase solche Redakteure arbeiteten, ist keine neue Entdeckung (und Rudolf Augstein hatte sich selbst vor einigen Jahren dahingehend geäußert, es seien "geläuterte" Nationalsozialisten gewesen). Aber neu ist der Zusammenhang, in welchen die Autoren diese Fälle stellen und die Fragen, die sie stellen: Was versprach sich Augstein von solch pervertierten Auslands-"Kenntnissen" für den "Spiegel"?

Lutz Hachmeister stellt kühl fest: "Es ergaben sich aus der strategischen Kooperation mit den diversen Geheimdienstfraktionen aus der NS-Zeit zahlreiche Informationen, die exklusiv an die Leserschaft weitergegeben werden konnten." Das hob die Auflage. Man erfuhr eben Insidergeschichten aus der Gestapo, während das Bundeskriminalamt gegründet wurde.

Was aus diesem Buch zu lernen ist: Zur Steigerung der Auflage darf nicht alles getan werden. Und: Der viel gelobte "Investigationsjournalismus" hat auch einen sehr problematischen Vorgänger: Geheimdienstdossiers. Und: keine falschen Verbrüderungen. (Richard Reichensperger/DER STANDARD, Printausgabe vom 14.1.2003)