Wien - Zwischen echten Asylwerbern und so genannten Wirtschaftsflüchtlingen, die aus rein ökonomischen Gründen in den reichen Westen kommen, müsse unterschieden werden: So lautet eine Arbeitsprämisse der Asylbehörden, in Österreich wie in der ganzen EU.

Diese dichotomische Sicht der Dinge sei trügerisch, wendet Johannes Pflegerl vom Österreichischen Institut für Familienforschung ein. Vielmehr seien "Fluchtgründe heute vielfältiger und vermischter als im Jahr 1970", beruft er sich auf Erkenntnisse der Migrationsforschung.

Verarmung ohne Aussicht auf Besserung

So könnten etwa "zwei Familien aus Georgien, die daheim nur wenige Täler voneinander entfernt lebten", aus völlig unterschiedlichen Gründen zur Flucht motiviert worden sein. Politische Nachstellungen in einem Tal - laut Genfer Flüchtlingskonvention neben rassistischer, religiöser, nationaler und sozialer Verfolgung ein klassisches Motiv -, Verarmung ohne Aussicht auf Besserung im anderen.

Tatsache - so Pflegerl - sei: "Beide Familien haben sich gezwungen gesehen, ihre Heimat zu verlassen." Und dieser Zwang werde auch im Fall einer Aufenthaltsverwehrung weiter wirken. Auf dass die Betroffenen in andere EU-Staaten weiterwanderten und "mit Hilfe familiärer und ethnischer Netzwerke - der so genannten Diasporagemeinschaften - Asylshopping betreiben".

So vergrößerten abgeschottete Grenzen die Zahl der Illegalen, drängten diese auf den Schwarzmarkt, in "atypische Beschäftigungs- und Lebensformen". Bis den Behörden "wie etwa in Italien und Spanien nichts anderes übrig bleibt, als die Illegalen zu legalisieren". Im Grunde, so Pflegerl, sei "auch die EU ein Zuzugsgebiet. Doch kein Staat schafft es, diesen Umstand politisch umzusetzen". (bri, DER STANDARD Printausgabe 14.1.2003)