foto: sipan s.

Unter dem Schutz der Flugverbotsüberwachung nördlich des 36. Breitengrads hat sich eine De-facto-Unabhängigkeit der Kurden im Nordirak entwickelt. "Irakisch Kurdistan" hat nach den verheerenden Giftgas-Einsätzen von Saddam Hussein die elf Jahre Frieden seit dem letzten Golfkrieg für politische und infrastrukturelle Aufbauarbeit genutzt (Siehe Ansichtssache: Bilder aus dem Nordirak). Bei einem möglichen neuen US-Angriff auf den Irak spielt das Volk, das auch Ansprüche auf die erdölreiche Region um Kirkuk stellt, eine wichtige Rolle. Die Kurden wollen jedoch keine zweite Nord-Allianz bilden, so der Leiter des Wiener Informationsbüros der Kurdischen Regionalregierung, Sipan Sedeek, im Gespräch mit Rainer Schüller.

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derStandard.at: Wie bereiten sich die Kurden im Nordirak auf einen möglichen US-Angriff auf den Irak vor?

Sedeek: Die Kurden erkennen, dass sie praktisch machtlos einem möglichen Krieg entgegensehen. Und die Menschen vertrauen den USA wegen der schlechten Erfahrungen in der Vergangenheit nicht. Sie beobachten auch mit großer Sorge die provokanten Reaktionen aus der Türkei. Es herrschen Ängste, dass sich Saddam in letzter Minute mit bio-chemischen Waffen gegen die Kurden wendet. Es ist bedenklich, dass in einigen Nachbarländern der Region sogar Schutzmasken für Hunde verteilt wurden, und in Irakisch Kurdistan (IK) noch keine einzige Maske, keine Ampulle und kein Emergency-Plan für mehr als 3,8 Millionen Menschen vorliegt. Man rechnet prinzipiell mit einem Kriegsfeld außerhalb IK und weit im Süden, Westen und im zentralen Irak. Aber auch das Schlechteste ist zu erwarten.

derStandard.at: Gibt es bereits Flüchtlinge? Kommen Flüchtlinge aus dem Süden in den Nordirak?

Sedeek: Es gibt noch keine Flüchtlinge aber man rechnet damit. Die UN ist angeblich darauf vorbereitet, mehr als 500.000 Flüchtlinge zu versorgen. Die Türkei behauptet, Aufnahmelager im IK herzurichten. Internationale Beobachter glauben an einen Vorwand, um mehr türkische Truppen in den Nordirak einzuziehen.

derStandard.at: Rechnet die kurdische Bevölkerung im Nordirak mit erneuten Giftgas-Angriffen von Seiten Saddam Husseins bzw. dessen Nachfolgers?

Sedeek: Man rechnet damit, aber man ist machtlos. Alle Nachbarn unternehmen Maßnahmen und niemand denkt an die Kurden. Analytiker rechnen damit, dass sich Saddam (wenn er noch Zeit haben wird) am Anfang an den Staaten rechen wird, welche direkte Hilfe an die USA leisten, das sind Kuwait, Qattar, eventuell Jordanien und die Saudis. Unter den Kurden herrscht Angst, dass er zuerst IK angreifen und dann die Kirkuk Erdölfelder brennen lassen wird.

derStandard.at: Wurden die kurdischen Truppen im Nordirak bereits von US-Militärs mit Waffen versorgt bzw. werden diese bereits von US-Militärs ausgebildet?

Sedeek: Nein auf keinen Fall! Und man rechnet auch nicht damit. Die Führung hier hat klar gemacht, dass die Kurden keine zweite Nord-Allianz bilden werden.

derStandard.at: Gibt es bereits konkrete Pläne, wie der Beitrag der Kurden an einem militärischen Umsturz-Versuch Saddam Husseins aussehen soll?

Sedeek: Nein und die USA haben noch keine Gespräche in dieser Richtung mit Kurden geführt.

derStandard.at: Wie soll die Beteiligung der Kurden im Nordirak nach einem möglichen Sturz Husseins an einem "pluralistischen Bundesstaat Irak" konkret aussehen?

Sedeek: Die KDP hat einen Vorentwurf für eine Verfassung des föderalistischen Irak präsentiert und dann dem regionalen Parlament vorgestellt, es wurde adaptiert und daran orientiert sich die Position der Kurden. Darin hoffen die Kurden auf ein Irak bestehend aus zwei Bundesländern, worin Kurdistan die geographisch-geschichtliche Grenze umfasst.

derStandard.at: Wie soll das Problem um die erdölreiche Region rund um Kirkuk, welche neben den mehrheitlich dort ansässigen Kurden schließlich auch die Türkei wegen der Minderheit der Turkmenen für sich beansprucht, gelöst werden?

Sedeek: Der erwähnte Entwurf sieht Kirkuk als Teil Kurdistans. Das Erdöl wird von der Zentralregierung für ganz Irak verteilt, wobei Kurdistan mindestens 20 Prozent davon erhält. Wir hoffen, dass der internationale und besonders amerikanische Druck auf die Türkei, diese vor einem unüberlegten Akt bewahrt. Des weiteren waren die letzten Gespräche zwischen der KDP - und der türkischen Führung durchaus produktiv.

derStandard.at: Käme es zum Sturz Saddam Husseins, würden die Türkei, der Iran und Syrien einen "pluralistischen Bundesstaat Irak" tolerieren?

Sedeek: Zwar sind alle drei Parteien dagegen (auf Grund der eigenen Kurden), nichtsdetsotrotz haben Iran und Syrien der kurdischen Führung versichert, dass sie den Willen der Iraker respektieren werden. Wir gehen nicht davon aus, dass die Türkei weiterhin die Turkmenen-Karte spielen wird. Einen Vorwand, uns Unabhängigkeitsbestrebungen nach zu sagen, gaben wir und geben wir ihnen nicht.

derStandard.at: Denken Sie, dass das (zur Zeit demonstrativ) friedliche Verhältnis zwischen den ehemaligen Bürgerkriegs-Gegnern - der zwei größten Parteien der Kurden im Nordirak, KDP und PUK - innerhalb "Irakisch Kurdistans" auch nach dem Sturz Saddam Husseins anhalten würde?

Sedeek: Alles deutet darauf, dass Kurden auch von ihren bitteren Fehlern in der Vergangenheit lernen können und der Friede, welcher heute existiert, ist die Folge etwa vier jähriger Verhandlungen und Krisenmanagements. Aber ein „After-Saddam“ wird hoffentlich noch mehr Stabilität bringen. Im Nordirak agieren schließlich politische Parteien und keine Warlords. Es bleibt beiden Parteien nur, sich im Rahmen der Demokratischen-Spielregeln auch in einem „After- Saddam“ zu profilieren.

derStandard.at: Wie ist das Verhältnis der zwei führenden kurdischen Parteien KDP und PUK zur KADEK (ehemalige PKK), die von den USA, der Türkei und Großbritannien als “Terror-Organisation” betrachtet wird?

Sedeek: Sie (egal ob sie sich PKK, KADEK oder anders nennen) drängen sich als alleinige Alternative zu jeglicher Partei in allen Teilen Kurdistans (ob KDP, PUK oder andere) auf und betrachten sich als die einzige Legitime Vertretung für die Kurden. Sie haben in der Türkei die Waffen niedergelegt aber gleichzeitig versucheb sie sich in IK militärisch festzusetzen, ohne Achtung der dortigen Autorität. Deshalb ist das Verhältnis schlecht. Einige Medienberichte sprechen davon, dass sie von der Türkei missbraucht werden, um in IK Probleme zu schaffen. Dies können wir aber nicht bestätigen.

derStandard.at: Gibt es in den kurdisch verwalteten Gebieten des Iraks Zellen der El Kaida?

Sedeek: Das kann keiner bis jetzt beweisen, aber man spricht von Links mit Ansar Al-Islam. Die letzteren befinden sich auf einem kleinen Gebiet, in der PUK-Region, nahe der iranischen Grenze.

derStandard.at: Was unternimmt die kurdische Regionalregierung gegen den Terrorismus?

Sedeek: Es gibt eigene Komittees und gemeinsame Maßnahmen aller politischen Parteien. Man versucht auch mit den Nachbarn in dieser Frage zu kooperieren. Aber es ist schwer gegen Bewegungen vorzugehen, die sich in Grenzgebirgen verschanzen.

derStandard.at: Den Kurden im Nordirak geht es zur Zeit offenbar gut wie nie - brächte ein Irak-Krieg nicht automatisch eine Verschlechterung der Situation mit sich?

Sedeek: IK geht es aus verschiedenen Gründen gut (a) Weil sie zum ersten mal in ihre Geschichte eine Chance erhalten haben um zu beweisen, dass sie fähig sind ihre Sachen in die eigene Hand zu nehmen. Und sie wollen das mit allen Kräften beweisen. (b) Weil sie ab 1992 Demokratie praktizieren und daran glauben (c) Wegen der bestmöglichen Ausnützung des SRC-986 (Oil for Food Programms). Bei einem Krieg gibt es die Sorge über die Weiterführung der ökonomische Absicherung durch das Oil for Food Programm und natürlich über die de facto Unabhängigkeit, die in den letzten zehn Jahren persönliche Freiheiten, Fortschritt, eine generelle Demokratisierung und enormen Wiederaufbau bedeutet hatte.

derStandard.at: Wie wird "Irakisch Kurdistan" im nächsten Jahr aussehen?

Sedeek: Wir hoffen, dass es als Teil eines föderalen, demokratischen, parlamentarischen Irak endlich dauerhaften Wohlstand, Ruhe und Entwicklung erleben wird. Sicher werden die Kurden ihr bestes dazu beitragen, um in der Region Frieden zu schaffen und zu erhalten.