Graz - Ein neuartiger Herzschrittmacher-Typus, der insbesondere Patienten mit Vorhofflimmern zu Gute kommt, wird demnächst an der Grazer Universitätsklinik für Chirurgie implantiert werden. Das in den Niederlanden entwickelte, volldigitale "denkende" System erkennt das Flimmern im Vorhof des Herzens im Vorhinein und kann auf vier unterschiedliche Arten reagieren, erklärte der Grazer Herzchirurg und Leiter der Universitätsklinik für Chirurgie, Karlheiz Tscheliessnigg, im Gespräch. Gleichzeitig kann es als Zweikammernschrittmacher arbeiten und im Bedarfsfall die beiden Kammern (Ventrikel) stimulieren.

Rund 700.000 Menschen weltweit erkranken jährlich an Vorhofflimmern (VHF oder auch AF), einer unkontrollierten Erhöhung der Schlagfrequenz, bei der sich der Vorhof des Herzens mit 350 bis zu 800 Schlägen pro Minute kontrahiert. "Rund 0,8 Prozent der über 40-Jährigen, aber schon 15 Prozent der über 75-Jährigen sind davon betroffen", so der Herzchirurg. Damit zählt das Vorhofflimmern zu den häufigsten Herz-Rhythmusstörungen überhaupt.

Schädigung des Herzmuskels durch Vorhofflimmern

Während das "Kammer-Flimmern" akut in den Herztod führen kann, weil die Pumpfunktion durch die unkoordinierten Kontraktionen zum Erliegen kommt, beeinträchtigt das Vorhofflimmern zunächst die Pumpleistung des Herzens und führt so zur Schädigung des Herzmuskels. "Das Vorhofflimmern setzt die Pumpleistung des Herzens um rund 25 Prozent herab", erklärt der Chirurg. In der Folge können sich allerdings auch wesentlich leichter Thrombosen bilden, die letztlich zu einer Lungenembolie oder einem Schlaganfall führen können, schildert der Mediziner die weiteren schwerwiegenden Folgen des VHF.

Das neue System erkennt nunmehr die Entstehung des Vorhofflimmerns und gibt zur Beendigung der jeweiligen Rhythmusstörung Stromimpulse ab. "Damit erhält der Patient die bestmögliche maßgeschneiderte Therapie, die bei jedem Ereignis vom Gerät selbst unmittelbar umgesetzt wird", so Tscheliessnigg. Die Übertragung der Impulse in den Vorhof des Herzens erfolgt mittels Sonden.

Jahrelange Entwicklung

Das neue System ist in der Lage, die Herzrhythmusfolge kontinuierlich zu speichern und über eine Chipsteuerung seine eigenen Schlüsse daraus zu ziehen und aktiv zu werden. "Das vorliegende Gerät ist der vorläufige Endpunkt einer jahrelangen Entwicklung, in der man sich mit der Frage beschäftigt hat, wie es überhaupt zum Vorhofflimmern kommt", so Tscheliessnigg.

Der besondere Vorteil des Systems liegt nunmehr darin, dass das VHF bereits an charakteristischen Sequenz erkannt wird und je nach Frequenzmuster unterschiedlich reagieren kann. Gleichzeitig kann der Arzt die Daten der letzten vier Monate abrufen und kann damit die Entwicklung der Erkrankung überwachen, das Therapiekonzept des Schrittmachers überprüfen und im Bedarfsfall auch ändern. Zusätzlich unterstützt das Gerät die Tätigkeit der in Mitleidenschaft geratenen Herzkammern, indem zwei Sonden eingesetzt werden, die im Fall des Falles weitere Stimulationen abgeben können und die "außer Takt" geratenen Ventrikel wieder synchronisieren.

Im Anfangsstadium der Erkrankung tritt das Vorhofflimmern nur hin und wieder (intermittierend) auf, mit Fortschreiten der Erkrankung werden die Abstände zwischen den Ereignissen immer kürzer bis das Vorhofflimmern schließlich zum Dauerzustand wird. "Wir setzen das Gerät vorerst bei Patienten mit intermittierenden Ereignissen ein", so Tscheliessnig, an dessen Klinik Ende Jänner die weltweit ersten Implantationen an insgesamt fünf Patienten durchgeführt werden sollen. (APA)