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KELLY OSBOURNE: AMERICAN MUSIC AWARDS

ADREES LATIF/Reuters

Wien/Los Angeles - Laut US-Medien hat sie sich gerade rechtzeitig wieder höchst werbeträchtig in Szene gesetzt. Die Rede ist von der Addams Family unserer Tage, in Gestalt von Ozzy, Sharon, Jack und Kelly Osbourne. Diese spielen seit einem Jahr auf MTV bei sensationellen Einschaltziffern als The Osbournes das "richtige Leben". Sie beweisen dort, dass auch in einem Heavy-Metal-Haushalt mit Fuck-you-Beschallung ("My Jeckyll doesn't hide!") konservative Werte wie Familiensinn, Liebe oh- ne Fausthiebe, regelmäßige Mahlzeiten und Drogen nicht vor der Kamera regieren.

Bei der in Los Angeles und im Hauptabendprogramm des Fernsehsenders ABC landesweit über die Bühne gegangenen Verleihung der diesjährigen American Music Awards, einem wichtigen Indikator für die dann im Februar vergebenen Grammys, fetteten die Osbournes als Moderatorenteam ihre Beiträge mit derart vielen Kraftausdrücken der Habe-dich-selbst-lieb- und Verdautes-Essen-muss-hinten-wieder-raus-Schule auf, dass die Zensoren von ABC im Gegenzug Dutzende Zensurtöne (so genannte Bleeps) einbauen mussten. Die Folge: Ozzy und Co waren im Fernsehen vor lauter Piepsern kaum noch zu verstehen.

Eine gelungene Promotion für Shut Up, das dieser Tage erscheinende Debütalbum von Kelly. Ach ja, bevor wir es vergessen: Hauptabräumer der Awards war - wenig überraschend - ein anderer Spezialist für derbe Aufforderungen zur Selbstliebe: Eminem.

Da Eminem sich seine insgesamt vier Preise nicht selbst abholen mochte und auch Popmutter Sheryl Crow mit ihrem T-Shirt-Aufdruck "War is not the answer" wenig gegen George W. Bushs Videobotschaft an die christliche Countryband Avalon ausrichten konnte, in der dieser den gottesfürchtigen Musikern für deren "lebenslange Liebe zu Heimat und Staat" dankte, war der eigentliche Star des Abends dann aber eine: Kelly mit ihrem ersten großen Gesangsauftritt als Punkrebellin aus dem Richie-Rich-Club.

Mitten im Leben

Ein herrlich pummelig und pickelig in Flohmarktmode im Leben stehendes, ständig genervt die Augen verdrehendes Mahnmal gegen ausgemagerte und auf dem Operationstisch entworfene Teenie-Stars wie Britney Spears und Christina Aguilera.

Zudem ein Abbild tatsächlicher Gewichtsverhältnisse in einem Land, in dem laut neuester Studien bald jeder dritte Bewohner übergewichtig ist. Wie lautet eine alte deutsche Punkhymne der Kelly Osbourne sehr ähnlichen Trude Herr aus 1958: "Ich will keine Schokolade, ich will lieber einen Mann!"

Dass sich die Osbourne-Sippe für das musikalische Debüt von Tochter Kelly mit Produzent Ric Wake allerdings ausgerechnet einen Mann geholt hat, der in der Vergangenheit unter anderem mit Schiffsversenkerin Celine Dion und Schmusebärchen Enrique Iglesias gearbeitet hat, macht zunächst Angst. Es spricht aber für das kommerzielle Gespür von Familienoberhaupt Sharon. Und es weist möglicherweise auch darauf hin, dass sich Ozzy seit Black Sabbath nicht nur das Hirn, sondern auch die Ohren dezent weggeblasen hat.

Ein mehrmaliges Hören des Albums der 18-Jährigen beweist aber, dass Ric Wake genügend Rücksicht auf das in The Osbournes bestens eingeführte Schmuddel- und Schmoll-Image von Kelly und ihre selbst verfassten Songtexte genommen hat.

Mit Ausnahme der treuherzig für Mutter geschriebenen Liebeserklärung More Than Life Itself hadert Kelly nicht lange mit ihren Gefühlen. In nur etwas mehr als einer halben Stunde setzt es deshalb in den zehn anderen Songs, inklusive der Coverversion von Madonnas Papa Don't Preach, fröhlich-scheppernden und oft wie ein auffrisiertes Zwei-Gang-Moped knatternden, hauptsächlich mit lauter Gitarre, lautem Bass und sehr lautem Schlagzeug gebastelten, leicht abwaschbaren Beschwerde-Teenagerparty-Plastikrock an der exakten Schnittstelle von immergrünem La-La-La-Pop und Wer-hat-mir-meine-Haarspange-gestohlen-Punk.

Programmatisch neben der "Masturbationshymne" Every- thing's Alright, die Single Shut Up: "There's nothing you can say that means a damn thing to me, so shut up! Bla, bla, bla, bla . . . that's what it sounds like you said to me!"

Ach ja, drei Sachen noch: Kelly kann singen! Die Platte wird ein Hit! Im Sommer haben wir sie wieder vergessen! (Christian Schachinger/DER STANDARD; Printausgabe, 15.1.2003)