Wien - Während sich die alte Direktion mit erlahmendem Spielglück an den heikelsten Stücken zusehends matt und überdrüssig abquält, ziehen die Monate hin über das Wiener Volkstheater, diesen delikat ragenden Eckzahn gegenüber dem MQ.

Kaum eine Vorstellung, die es in Sachen Beißlustigkeit mit den umliegenden Großtheatern aufnehmen könnte (dabei ist es keineswegs Gold, was im Burgtheater allabendlich glänzt). Schlimmer noch: Man bescheidet sich im Büro der persönlich liebenswürdigen Direktorin Emmy Werner, die zur Verlängerung ihres Vertrages bis 2005 ernstlich überredet werden musste, mit der gottergebenen Einsicht in die hausgemachte Zubereitung von Niederlagen.

Darüber vergeht die Zeit, die man eigentlich gewinnen wollte. Darüber verblasst der Schmelz eines Hauses, das sich für eine Neupositionierung rundheraus putzen müsste. Nichts weniger als die Neubestimmung an einem zentralen Nervenpunkt Wiens stünde zur Diskussion - gegebenenfalls mit dem Umstoßen eines Konzepts, das ehemals mit "Deutschem Volkstheater" überschrieben, sodann auf den Nestroy gebracht und unter den Hut der Gewerkschaft gesteckt worden war.
Als geriete alles in den Bann einer Schwerkraft, an der offenbar die bestmeinenden Kunstabsichten zuschanden gehen, hält ein unklarer Auftrag den Betrieb am lauen Köcheln. Vergessen scheint, dass mit der Umwidmung in eine Stiftung das Volkstheater wenigstens symbolisch die Hände frei zu bekommen schien für eine ambitionierte Neuordnung der Dinge. Wie in jeder sich abzeichnenden Vakanz läge auch in Emmy Werners Rückzug die Chance, mit insgesamt zehn Komma drei Subventionsmillionen ein neues künstlerisches Betriebsmodell auf die Beine zu stellen.

Nirgendwo steht geschrieben, dass ein "Volkstheater" mit dem schier übermächtigen Burgtheater-Konzern hoffnungslos in Konkurrenz treten muss. Dass es nach Regisseuren fischt, die von der Burg abgelehnt werden, und einen zusehends verwahrlosenden Repertoirebetrieb führt, der sich an den nämlichen Klassikern und Konzepten als armer Vetter der Krösusse am Dr.-Karl-Lueger-Ring wenig ertragreich abmüht.
Dabei stünden mehrerlei Optionen zu Gebot: Anstatt dem in Wien beliebten Verbrauchs- und Verschleißtest wohlfeiler Namen wie gebannt zuzuhören, könnte die amtierende Direktion, die immerhin schöne Auslastungszahlen rund um die 80 Prozent vorweist, mit eigenen Vorschlägen das Gesetz des Handelns an sich reißen - und den überaus bedächtigen Sondierungen des Kulturstadtrats damit nachhaltig aufhelfen.
Folgende Namen werden zurzeit an der Börse wie Monopolysteine gehandelt: Statt Michael Schottenberg oder Andrea Eckert könnte Regisseurin Beverly Blankenship weiblichen Zauber einbringen. Der Schweizer Burg-Dramaturg Stephan Müller, der das Kasino am Schwarzenbergplatz nun doch nicht eigenverantwortlich leitet, steht ebenso zur Diskussion wie Donaufestival-Leiter Stephan Bruckmeier.
In Wahrheit ginge es aber um mehr - bis hin zu einer Sondierung weit über die im Zweifelsfall eng gesteckten Landesgrenzen. Natürlich besäße Emmy Werner das symbolische Gewicht, einem allfälligen Nachfolger liebevoll den Boden zu bereiten.

Das Volkstheater könnte sich verstärkt an jene Kulturgenießer wenden, die das MQ mitsamt seinen dezentralen Quartieren bevölkern - und als Erlebnisinstitut auf Unterströmungen reagieren, die dem herrschenden Darstellungsbeamtentum vielleicht kaum fassbar sind. So vieles wäre möglich. Wenn man sich denn traute. (Ronald Pohl/DER STANDARD; Printausgabe, 15.1.2003)