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Die Razzia fand in einem dreistöckigen Haus im Norden von Manchester statt.

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Manchester: Polizisten bereiten sich darauf vor, das Gebäude zu betreten, wo Stephen Oake bei einem Anti-Terror-Einsatz erstochen wurde.

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Nach dem gewaltsamen Tod eines britischen Polizisten bei der Durchsuchung eines Hauses in Manchester nach dem Giftstoff Rizin hagelt es Kritik an den Sicherheitsmaßnahmen. Innenminister Blunkett kündigt härtere Asylregeln an - England fürchtet, zur Drehscheibe radikaler Islamisten zu werden.


Der britische Premierminister Tony Blair sprach von einer "furchtbaren Tragödie", der konservative Oppositionsführer Iain Duncan-Smith von einem "Weckruf für die Nation", Innenminister David Blunkett kündigte kurzerhand schärfere Asylregeln an. Künftig soll von jedem Asylbewerber ein Fingerabdruck genommen werden.

Auslöser war ein Polizistenmord in Manchester. In Crumpsall, einem kosmopolitischen Vorort im Norden der Stadt, wurde in der Nacht zum Mittwoch der 40-jährige Familienvater Stephen Oake erstochen, als er die Wohnung eines Nordafrikaners auf den Giftstoff Rizin untersuchte.

Nach Darstellung der Polizei waren die Uniformierten vorgefahren, um den Mann wegen Terrorverdachts festzunehmen. Statt auf einen trafen sie dann auf drei Bewohner, dem Fernsehsender BBC zufolge vermutlich algerische Asylsuchende.

Küchenmesser

Zunächst leisteten sie keinen Widerstand. Erst nach einer Stunde soll sich einer der Verhörten losgerissen, nach einem Küchenmesser gegriffen und auf die Beamten eingestochen haben. Oake starb kurz darauf in der Intensivstation, vier seiner Kollegen wurden mit teils schweren Verletzungen ins Krankenhaus eingeliefert.

Stephen Oake, in früheren Tagen Premierminister Blair als Personenschutz auf Reisen zugeteilt, war Experte für Spurensicherung und trug deshalb keine Schutzweste. Alle Polizisten waren unbewaffnet, was nun kritische Fragen über den Umgang mit Terrorverdächtigen aufwirft. "Sollten Polizisten nicht grundsätzlich eine Waffe bei sich haben?", wetterte Oliver Letwin, innenpolitischer Sprecher der Konservativen, und warf dem Kabinett vor, die Gefahr zu unterschätzen.

Zusätzlich kritisiert wird, dass die Verdächtigen keine Handschellen trugen. Der zuständige Polizeichef antwortete am Mittwoch auf Fragen zu diesen Sicherheitsbedenken, der Fall werde intern genau untersucht.

Terrordrehscheibe

Politisch brisanter ist die Frage, ob das Königreich zur Drehscheibe gewaltbereiter islamistischer Gruppen geworden ist, Zuflucht vor allem für Glaubensfanatiker aus Nordafrika. Anhänger der "Groupe Islamique Arme" (GIA), die für einen Gottesstaat in Algerien kämpft, tauchten in den 90er-Jahren meist in Frankreich unter. In dem Maße, wie die Regierung in Paris härter gegen die GIA vorging, setzten sich etliche ihrer Mitglieder über den Ärmelkanal nach England ab.

Das liberale Inselreich mit seiner großen muslimischen Gemeinde, seiner toleranten Rechtstradition und relativ lockeren Zuwanderungsregeln wirkte wie ein Magnet. Man kennt dort bis heute weder eine Ausweis- noch eine Anmeldepflicht. "Londonistan", schallt der Vorwurf von der Seine herüber. London sei zur Hochburg von Islamisten geworden, zum "weichen Bauch" Europas beim Kampf gegen Terrornetze und ihre Prediger.

Tatsächlich ist Hauptstadt Großbritanniens die wichtigste Metropole des Islam außerhalb der arabischen Welt. Es gibt über hundert Moscheen, unzählige Koranschulen und Gemeindezentren sowie Hilfsorganisationen, die im Namen Allahs handeln. Saudische Ölscheichs, pakistanische Händler, Emigranten aus Ägypten oder Algerien, sie alle zieht es an den Hyde Park.

"Stellen Sie Islamisten bitte nicht pauschal unter Terrorverdacht!", warnt der hoch geschätzte Muslim Council of Britain vor Schwarz-Weiß-Rastern, und quer durch alle Parlamentsparteien stimmt ihm die Politik zu. Was den Briten allerdings zunehmend Sorge macht, ist die These, wonach sich algerische Fundamentalisten im Exil mit Osama Bin Ladens Al-Kaida verbündet haben. Folgt man den Aussagen der Regierung, dann hat es Großbritannien mit einem landesweiten Terrornetz zu tun.

"Rizin-Connection"

Als Indiz gilt die so genannte "Rizin Connection". Anfang Januar fand Scotland Yard in einer von Algeriern gemieteten Mansardenwohnung im Londoner Stadtteil Wood Green Spuren des tödlichen Giftstoffs Rizin. Von Wood Green führte die Spur nach Manchester.

Der Mann, der dort verhaftet werden sollte, stand ebenfalls unter Verdacht, Rizin zu lagern. Laut Angaben der Polizeibehörden pflegte er engen Kontakt zu den Algeriern in London. (DER STANDARD, Printausgabe, 16.1.2003)