Wien - In den vergangenen Jahren haben die Reformländer ihren bis dahin stärksten Wettbewerbsvorteil - nämlich die niedrigen Lohnkosten - eingebüßt. Dies trifft besonders dann zu, wenn man die Lohnstückkosten betrachtet, sagt Marianne Kager, die Chefökonomin der Bank Austria-Creditanstalt. Grund: Die teils substanziellen Lohnsteigerungen seien nur teilweise durch höhere Produktivität kompensiert worden.

"Einige Länder sind schon sehr nahe an Österreich bei den Lohnstückkosten", sagte Kager bei der Vorstellung einer gemeinsam mit dem Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW) erstellten Studie. In Slowenien würde sie gar über den heimischen Lohnstückkosten liegen. Die Lohnstruktur sei dort anders als in den anderen Ländern, da auch traditionelle Niedriglohnbranchen (etwa Textil- und Lederindustrie) relativ viel zahlen. Slowenien müsse den Niedriglohnsektor in einigen Branchen vermutlich sogar früher verlassen als Österreich.

Eines ist Ökonomen klar: Weil der noch vorhandene Wettbewerbsvorteil der niedrigen Lohnkosten mittelfristig nicht haltbar sei, müsse die Industrie in den Reformländern ihre Produktivität deutlich verbessern. Zwischen 1995 und 2001 seien die Lohnstückkosten in allen Beitrittsländern gestiegen - mit Ausnahme Ungarns, wo es mit einem Sparpaket ein Minus von fünf Prozent gab. Den höchsten Zuwachs gab es in Litauen mit 13,8 Prozent pro Jahr, den geringsten in der Slowakei (1,5 Prozent). Dieser Trend werde sich fortsetzen.

Sehr unterschiedlich hätten sich die Industriesektoren entwickelt. Dabei gab es laut WIIW folgende Tendenz: Während die technologieintensiven Branchen die stärksten Produktivitätssteigerungen gehabt hätten, hätten die traditionellen arbeitsintensiven Industrien im Kostenwettbewerb relativ stärker verloren. Auch bei den Exporten seien technologieintensive Produkte überdurchschnittlich stark expandiert.

Zu den am schnellsten wachsenden Exportgütern gehörten Autos, Kfz-Zubehör, Büromaschinen sowie TV-und Radiogeräte. Die neue Konkurrenz würde auch die heimische Elektro- und Autozulieferindustrie zu spüren bekommen, sagt Kager. (rose/DER STANDARD Print-Ausgabe, 16.1.2003))