Wien - Vor über vier Jahren geriet die Hilfsorganisation "World Vision Österreich" wegen einer Spenden-Affäre in die Schlagzeilen.

Unterschlagung von Spendengeldern in Millionenhöhe

Martina Taurer-Krones, damalige Chefin des Spenden-Vereins, und ihr Ehemann und Projekt-Manager Wolfgang wanderten vorübergehend in U-Haft, weil sie - so der Verdacht - Spendengelder in Millionenhöhe unterschlagen haben sollen. Im Wiener Landesgericht wird seither gegen das Paar wegen Veruntreuung und Untreue ermittelt, eine Entscheidung, ob es überhaupt zu einer Anklage kommen wird, ist nach fast 50 Monaten noch immer nicht gefallen. Nun hat die Justiz auf das schleppende Verfahren reagiert.

Gutachten

Die mit dem Fall betraute U-Richterin Barbara Reinprecht ist auf ihren Gutachter nicht gut zu sprechen. Der Buch-Sachverständige Thomas Keppert war mit der Durchleuchtung der Finanzgebarung bei "World Vision Österreich" sowie der Erstellung einer Expertise über den möglichen finanziellen Schaden betraut worden. Im Jänner 2002 legte er nach langwierigen Prüfungen ein umfangreiches Gutachten vor, in dem er einen Schaden von 1,65 Millionen Euro aus "nicht ordnungsgemäß nachgewiesenen Ausgaben" feststellte. Den Verbleib weiterer 556.028 Euro stufte er als "zweifelhaft" ein.

Warten auf Ergänzungsgutachten

Verteidiger Christof Dunst war mit den Ausführungen überhaupt nicht einverstanden. Er ortete krasse methodische Mängel und bestand auf einem Ergänzungsgutachten. Seither herrschte offensichtlich "Funkstille", ehe der U-Richterin nun der Kragen platzte: Sie setzte ihrem Gutachter eine Frist bis 31. Jänner. Sollte er bis dahin das ausstehende Dokument nicht vorlegen, will sie ihn seines Amtes entheben.

"Es kann ja wohl nicht sein, dass seit Jahren trotz mehrfacher Urgenz nichts weiter geht", erklärte dazu Frederick Lendl, Pressesprecher im Grauen Haus. Er bestätigte auch, dass Keppert für seine zu erbringenden Aufgaben bereits nicht unbeträchtliche Vorschüsse lukriert hat. Eine Summe jenseits von 500.000 Euro (rpt. 500.000 Euro) wird kolportiert.

Grundsätzlich ist das bei komplexen Wirtschafts-Verfahren gar nicht unüblich - in den Fällen Rosenstingl und Rieger hatte es ähnliche Abmachungen mit den Buchprüfern gegeben. "Aber nur Vorschüsse kassieren und dann nichts bringen, das geht nicht", sagte Lendl.

Es handle sich um "keine leere Drohung", sondern eine "letzte Frist", so der Pressesprecher. Man habe das Keppert auch "mit Druck vermittelt". Sollte der Sachverständige bis Monatsende nicht entsprechend reagieren, drohen ihm neben der Absetzung finanzielle Einbußen: Im Gebührenanspruchsgesetz findet sich eine Bestimmung, die bei der Kostenberechnung für gerichtlich bestellte Sachverständige eine Herabsetzung vorsieht, wenn ein Gutachten nicht fristgerecht vorgelegt bzw. verschuldet unvollständig geblieben ist. (APA)