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Hugo Chavez wurde mit überwältigender Mehrheit zum Präsidenten gewählt. Ein großer Teil der Bevölkerung, vor allem der ärmsten Schichten, steht weiterhin hinter dem Regierungskurs

Foto: Reuters/Silva

STANDARD: Die Opposition fordert Ihren Rücktritt. Kommen Sie dieser Aufforderung nach?
Chávez: Ich habe der ganzen Welt gesagt, dass ich nicht wegen des Drucks von privilegierten Eliten zurücktreten werde. Hinter der Forderung steckt der Versuch, eine Gewaltlösung durchzusetzen.

STANDARD: Die Verfassung sieht die Möglichkeit vor, ein Referendum über Ihren Verbleib im Amt abzuhalten. Sind Sie dazu bereit?
Chávez: Die Opposition versucht, mich aus dem Amt zu jagen mit einem Referendum im Februar, das für mich nicht bindend ist. Und zwar mit einer Frage, die niemand versteht: Sind Sie einverstanden, dass Präsident Hugo Chávez freiwillig zurücktritt? Auf diese Weise werde ich mein Amt nicht freiwillig aufgeben. Aber wenn wir ein verfassungsgemäßes Referendum in der zweiten Jahreshälfte machen, wenn meine zweite Halbzeit im Amt beginnt und ich verliere, dann gehe ich. Aber ich glaube nicht, dass ich verliere.

STANDARD: Das heißt, Sie sind sich sehr sicher, dass Sie bis zum Ende Ihrer Amtszeit ohne große Probleme weiterregieren können?
Chávez: Ich würde nicht sagen, ohne große Probleme. Unsere Revolution bestreitet einen stürmischen Weg. Ich könnte eine Allianz mit der Oligarchie eingehen, dann hätten die Medien hier und die Wirtschaft eine andere Meinung über mich. Das werde ich aber nicht machen. Ich werde mich selbst nicht aufgeben. Ich werde den Vertrag mit meinem Volk einhalten bis 2006, und zwar, weil das Volk es will. Und außerdem besteht die Möglichkeit einer Wiederwahl.

STANDARD: Die Opposition wirft Ihnen vor, dass Sie ein Tyrann seien und ein neues Kuba errichten wollen. Wollen Sie ein Castro-kommunistisches System schaffen?
Chávez: Wir wollen auf keinen Fall Venezuela kubanisieren. Wir haben einen großen Respekt vor Kuba und meinem Freund Fidel Castro. Mein Projekt ist die Venezolanisierung von Venezuela. Wir wollen auch eine diversifizierte Wirtschaft. Ein großer Teil der Opposition auf der Straße ist beeinflusst von Goebbels (Anm.: NS-Propagandaminister) und den Medien. Sie haben sehr viele Leute in die Irre geleitet.

STANDARD: Aber sehr viele Menschen demonstrieren auch gegen Sie, und es gibt seit sieben Wochen einen Generalstreik. Lässt Sie das unbeeindruckt?
Chávez: Hier gibt es keinen Streik. Hier haben wir es mit Sabotage, mit illegalen, subversiven Aktionen, zum Beispiel in der Ölindustrie, zu tun. Das ist ein Umsturzversuch durch Wirtschaftseliten, gewerkschaftliche Gruppen und einige politische Parteien. Der Versuch, durch terroristische Aktionen unsere Ölindustrie zu stoppen, hat Venezuela unheimlich viel Schaden zugefügt, fast drei Milliarden Dollar. Das hat uns gezwungen, unser Budget neu zu erstellen. Obwohl ich versucht habe, das soziale Programm und die Bildungsprojekte nicht zu stoppen, müssen wir Mittel für den Bau von Wohnungen der Armen streichen, Gleiches gilt für Infrastrukturprojekte. Die Armen müssen die Rechnung der Eliten zahlen, die versuchen, Venezuela zu beherrschen.

STANDARD: Die Lage ist in Venezuela sehr gespannt, es gibt Straßenschlachten zwischen Ihren Anhängern und Gegnern. Droht ein Bürgerkrieg?
Chávez: Nein, hier wird kein Bürgerkrieg stattfinden, sonst hätte es ihn schon längst gegeben. Es gab beim Putschversuch im April keinen Bürgerkrieg. Deshalb bin ich sicher, dass wir jetzt auch keinen bekommen werden, weil die Mehrheit das nicht will.

STANDARD: Sie sagen immer wieder, dass die Streitkräfte hinter Ihnen stehen. Sind Sie sicher, dass sich nicht doch eine Situation wie im April wiederholen kann, als Militärs Sie für 48 Stunden des Amtes enthoben haben?
Chávez: Ich glaube nicht, dass sich das wiederholt, auf jeden Fall nicht auf diese Art. Die putschende Opposition weiß, dass sie keine Militärs mehr auf ihrer Seite hat. Deshalb setzt sie jetzt auf die Wirtschaft. Der Putsch vom April war nicht einer der Streitkräfte sondern einer der Militärelite. Die Putschisten jetzt haben die Karte Militär aber nicht mehr in der Hand. Wir haben jetzt Streitkräfte, die bereit sind, einen historischen Kampf einzugehen auf der Seite des Volkes. Ich selbst bin dabei nicht so wichtig. Wie unser Freiheitskämpfer Simón Bolívar gesagt hat: Ich bin ein Strohhalm, der sich durch einen revolutionären Hurrikan bewegt. DER STANDARD, Printausgabe, 16.1.2003)