SChauspielhaug

Wien - In Tagen, da sich das kollektive Bewusstsein auf das Fantasieland Mittelerde einschwört, auf drollige Zwerge und wachsbleiche Elben aus Tolkiens mythischem Traumlabor, wirkt der Verweis auf den Asienreisenden Marco Polo (1254-1324) geradezu aufreizend hausbacken. Gewiss mag der schriftstellernde Abenteurer unseren Blick auf den Fernen Osten ausgerichtet haben: mit der verheerenden Folge, dass noch unsere ehrwürdigen Eltern in Bilderbüchern lustigen Reisessern mit trichterförmigen Hüten begegneten.
Heute wird neidvoll auf die Ökonomie der so genannten "Tigerstaaten" geblickt, wird China als Wachstumslokomotive gewürdigt. Der Blick fällt auf globale Metropolen, deren vertikal aufragende Glaspaläste unseren irritierten Glauben an den Kapitalismus sanieren helfen sollen.

Von solchen Gegensätzlichkeiten handelt die Ostasien-Revue Marco Polo Wunderwelt im Wiener Schauspielhaus: Sie prunkt mit der Verwertung authentischer Reiseeindrücke - und liefert Brosamen zu einer Ethnografie des behutsamen Blicks.

Sie will uns unter Zuhilfenahme von Videobildern von Fischlein und wunderfein gekratzten Kalligrafien, mit fernöstlichen Tanzschritten und freimütigen Bekenntnissen aus dem Mund asiatischer Schauspielerinnen postkoloniale Sitten lehren - den Imperialisten in uns dingfest machen. Mit der Moral unterhalten die darstellenden Künste seit neuestem eine unglückliche Liebesbeziehung, was auch an Henning Mankells jüngst in Graz uraufgeführten Flüchtlingskitsch erinnert.
Es muss an der natürlichen Überdehnung eines solchen Anspruchs liegen, dass der Wiener Abend künstlerisch enttäuscht. Regisseurin Martina Winkels Theater ohne Grenzen, an dem Projekt sozusagen federführend beteiligt, reiht Episödchen wie Perlen auf einer Schnur. Man wird von einer Art Clubanimateur (Matthias Lühn) auf die "sieben Businessprinzipien" eingeschworen, lauscht dem Stimmengewirr von Singapur, sieht Tempeltänzern beim Fitnesstraining für den Dienstleistungssektor zu. Da der Zuschauer in der Raummitte auf einem Plastikhocker sitzt, wünscht er sich einen langen Pagodenhals.
Erst in den bekenntnishafteren Teilen von Karen Tan und Noorlinah Mohamed, beide aus Singapur, beginnt jenes Konzept zu tragen, das sonst vom Material förmlich erstickt wird. Die beiden liefern englischsprachige Erklärungen zur Lesbarkeit der asiatischen Alltagswelt. Darauf hätte man setzen können - und ein Stück darauf bauen. (Ronald Pohl/DER STANDARD; Printausgabe, 16.1.2003)