Die SPÖ hat gute Gründe, in die Regierung zu drängen, und alle haben wenig mit inhaltlichen und viel mit strategischen Überlegungen zu tun. Der Pragmatismus, der dabei zur Schau gestellt wird, entfaltet allerdings in Verbindung mit Letzteren deutlich mehr Wirkung als im programmatischen Kontext: Eine Regierungsbeteiligung der SPÖ dient natürlich der inneren Stabilisierung. Oder richtiger: Sie schützt vor Destabilisierungstendenzen, die nach den zu erwartenden Niederlagen bei den Landtagswahlen in Niederösterreich und bei der Gemeinderatswahl in Graz absehbar sind. Eine Partei, die zumindest wesentliche Teile ihres Programms in der Regierung vertritt, wird sich nicht so leicht auf eine Führungsdebatte einlassen wie eine, die sich in der Opposition abkämpft. Viel mehr als von Einwänden der Gewerkschaft dürfte sich die SPÖ also von prophylaktischen Erwägungen leiten lassen.

Im schlechtesten Fall bedeutet das jedoch, bei tatsächlichen Koalitionsverhandlungen mit der ÖVP auf mehr als nur eines der angeblich unumstößlichen Wahlversprechen zu verzichten. Das allerdings kann sich die SPÖ schon im Hinblick auf die Eigendynamik eines Parteitages, der das Verhandlungsergebnis absegnen soll, nicht leisten. Daher birgt der Wille zur Macht, den die SP-Spitze nun so einheitlich bekundet, nicht nur das Risiko, von der ÖVP inhaltlich ausgenommen zu werden. Er erschwert auch den Wechsel zur zweiten Option, die ja ursprünglich die erste der SPÖ war und die vor allem von den mittleren Funktionären bevorzugt wird: den Verbleib in der Opposition.

Das Wohl und Wehe der SPÖ hängt wieder einmal von ihrem Durchsetzungsvermögen ab. Und davon, was die ÖVP zu geben bereit ist - angesichts der Erfahrungen bei den vergangenen Koalitionsverhandlungen keine hoffnungsvolle Ausgangslage. (DER STANDARD, Printausgabe, 16.1.2003)