Es ist eine merkwürdige Allianz, die sich zur Verteidigung des Ladenschlusses versammelt hat. Gewerkschaften befürchten die Ausbeutung der Supermarktkassiererin, Unternehmer wollen mit so wenig zeitlichem Aufwand wie möglich an das Geld ihrer Konsumenten, und die Kirche warnt vor dem Verlust des arbeitsfreien Sonntags. Konsumentinnen und Konsumenten weichen derweil mit ihrem Einkauf auf Tank-stellenshops und Bahnhöfe oder ins benachbarte Ausland aus.

Unser Alltag hat sich längst entlang anderer Zeitmodelle entwickelt, als es die Fünftagewoche mit arbeitsfreiem Wochenende ist. Die gibt es noch, natürlich, aber es gibt längst auch anderes: Menschen, die an Abenden und Wochenenden arbeiten, damit andere unterhalten, verköstigt, versorgt oder befördert werden. Diese glücklichen Wochenendarbeiter finden dann an arbeitsfreien Tagen während der Woche halb leere Geschäfte zum bequemen Einkauf - während sich die anderen am Abend oder am Samstagnachmittag genervt stauen, wenn Schluss mit der Konsumlust ist.

Warum justament Geschäfte zu diesen Zeiten schließen müssen, während niemand Anstoß daran nimmt, dass Restaurants uns bis in die frühen Morgenstunden verpflegen oder die U-Bahn uns am Sonntag vom Kino nach Hause bringt, bleibt auch im dritten Jahrtausend eines der Wunder der heimischen Wirtschaft. In der, daran sollte erinnert werden, über 300.000 ohne Job sind - von denen vielleicht der eine oder die andere einen finden würde, wenn Geschäfte am Sonntag aufsperren würden. Wenn dann auch noch in den Städten ein paar Euro mehr von einkaufenden Touristen hängen bleiben, umso besser: Dann hätten alle gewonnen - wer wäre eigentlich der Verlierer der Aufgabe von anachronistischen Ladenschlussregeln? (DER STANDARD Print-Ausgabe, 16.1.2003)