Sie ist energisch. Sehr sogar. Was für Renée Schroeder wichtig ist, versucht sie umzusetzen. Dabei scheut sich die in Wien promovierte Biochemikerin nicht, bei einer Diskussionsveranstaltung, bei der sie ausnahmsweise einmal nicht am Podium sitzt, quer durch den Saal zu laufen und dem Moderator das Mikrofon aus der Hand zu nehmen. Schroeder, die im Mai 50 wird, versucht sich durch- und ihre Ideen umzusetzen. Was sich lohnt, aber nicht leicht ist.

Dass sie vom Österreichischen Klub der Bildungs- und Wissenschaftsjournalisten am Mittwoch als "Wissenschafterin des Jahres 2002" geehrt wurde, hat neben ihrer Forschungstätigkeit auch mit diesem Durchsetzungsvermögen zu tun. Obschon die in Brasilien geborene Schroeder zugibt, sich beim Erklimmen ihrer Karriereleiter oft genug "den Schädel an der gläsernen Decke angehaut" zu haben. Frauen, kritisiert die zweifache Mutter, würden an heimischen Unis in ihrer Laufbahn behindert. Daher auch ihr Engagement im Mentoring-Programm für Frauen an der Uni Wien, das jungen Forscherinnen Zugang zu Förderungen, formellen und informellen Netzwerken ermöglicht.

Als Mitglied der Bioethikkommission des Bundeskanzlers, der European Molecular Biology Organisation, der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und ausgezeichnet mit dem Theodor-Körner-Preis für Wissenschaft und Kunst, dem Sandoz-Forschungspreis für Biologie und dem von L'Oréal und Unesco vergebenen Special Honor Award für Frauen in der Wissenschaft ist sie "außerordentliche" Professorin an der Uni - am Institut für Mikrobiologie und Genetik am Wiener Biocenter. Vor allem "mittelmäßige Professoren" würden erfolgreiche Forscherinnen nicht aushalten, "weil diese im Gegensatz zu den starken Leuten tatsächlich etwas zu verlieren haben", nimmt sich Schroeder kein Blatt vor den Mund.

Und erfolgreich ist sie: Im Zentrum ihrer Arbeiten steht die Ribonukleinsäure (RNA) und ihre Wechselwirkung mit Antibiotika. Diese greifen Bakterien eben an der RNA an, mit deren Hilfe die Krankheitserreger überlebenswichtige Enzyme und Proteine bilden. Schroeder entdeckte, dass Antibiotika eine andere Funktion der RNA hemmen: ihre Fähigkeit, biochemische Reaktionen zu beschleunigen. Schroeders Arbeit ist für die Entwicklung neuer Medikamente enorm wichtig.

Für sie selbst ist es fast noch wichtiger, ihre Arbeit der Allgemeinheit verständlich zu machen und damit das Image der österreichischen Wissenschaft und Forschung zu heben. Entsprechend oft trifft man Schroeder bei öffentlichen Veranstaltungen rund um die Themen Mikrobiologie und Genetik. Daher bleibe ihr auch kaum Zeit für ein Hobby, bedauert sie. Etwas Yoga zur Entspannung müsse reichen. (Andreas Feiertag/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16. 1. 2003)