Pia Lanzinger: "Playstation Vienna. Erobere Schritt für Schritt die Erlebniswelt dieser Stadt", 2002

Pressefoto Künstlerhaus

Der Berliner Stadttheoretiker Frank Roost spricht von der "Disneyfizierung der Städte" und thematisiert die demokratiepolitisch problematische Verquickung von Kitsch und kulturellem Kapital.


Es ist natürlich alles viel komplexer. Und wer nach der Maus und der Ente sucht, hat ein paar Jahrzehnte Crossmarketing und Kreuz-und-quer-Branding verschlafen. Meint Frank Roost - und kann es beweisen: "Problematisch sind nicht der Kitsch und die Inszenierung, sondern der Versuch großer Konzerne, mit ihrem kulturellen Kapital einen Ersatz für demokratische Strukturen zu schaffen", erklärt der Berliner Stadttheoretiker.

Wie ein (Unterhaltungs-) Konzern nicht nur seine Produkte an den Mann und die Frau bringt, sondern - neben der Prägung des kulturellen Bewusstseins der halben Welt - auch noch sehr aktiv in Planungs-, Architektur- und gesellschaftpolitischen Belangen mitmischt, beschrieb Roost am Beispiel des Disney-Konzerns bereits im Jahr 2000 in seinem Buch "Die Disneyfizierung der Städte" (Leske+Budrich Verlag, Opladen 2000). Darüber referierte er - im Rahmen der derzeit im Wiener Künstlerhaus unter gleichem Namen laufenden Ausstellung - in Wien.


Fassaden-Sitcom

Während Querverweise und Verlinkung von einem Konzernprodukt zum anderen in den bekannten Disney-Domänen oft erkannt würden, sei dies vor allem im Immobilien-und Planungsbereich kaum transparent, meint Roost.

So tauchten etwa in der Signation der aus den Disney-Studios stammenden Sitcom "Hör mal wer da hämmert" mit Tim Allen just jene Musterhaus-Fassadenelemente im Stakkato auf, die in der vom Disney-Konzern in den USA als prototypische "gute alte Stadt" geschaffenen Siedlung "Celebration" (Florida) als einzige Stilmittel zugelassen sind: Der Wiedererkennungseffekt der sechs möglichen Stile in der idealisiert-historisierten Echtwelt führe dazu, dass genau jene Musterhausformen, die Disney auch in anderen - geplanten - Urbanisationen anbieten wolle, widerspruchslos als allein selig machend akzeptiert würden.

Dass derartiges Lebensformen-Marketing im Mix aus Immobilien- und Medieneinsatz funktioniere, habe der Konzern schon zuvor an einem anderen Beispiel bewiesen, belegt Roost: Das US-Immobilienunternehmen Arvida sei nicht nur Teil des Disney-Konzerns, sondern auch Betreiber der Weston-Seniorenresidenzen in den sonnigen, südlichen US-Bundesstaaten.

Just als Weston erste große Anlagen bewarb, erzählt Roost, tauchten die "Golden Girls" in praktisch allen US-Netzwerken auf: Die Sitcom mit den vier alten Damen, die sich in südlichen Gefilden zur Ruhe gesetzt haben, stammt aus den Disney-Studios. Und wurde, so Roost, vom Konzern ganz altruistisch und kostenlos an die Sender weitergegeben.

"Disneyfizierung ist längst mehr als ein Themenpark", schloss Roost: "Entertainment ist schon lange mehr als das Aufstellen von Ringelspielen. Es geht um Kulturbegriffe." (Thomas Rottenberg/DER STANDARD, Printausgabe, 16.1.2003)