So stellten sich Claus Peymann (Regie) und Karl Ernst Herrmann (Bühnenbild) heute Brecht vor: Carmen-Maja Antoni als "Die Mutter". Vor ihr, am Boden: Manfred Karge.

Foto: Berliner Ensemble

Claus Peymann, selbst ernannter "Reißzahn" im Berliner Regierungsfleisch, inszeniert Brechts "Die Mutter" am Berliner Ensemble - und rüstet obendrein mit Rosa Luxemburg hoch für den Weltfrieden, auch gegen George Bush und dessen Kriegspläne gegen den Irak.


Berlin - Viel Feind, viel Ehr! Gemeinsam sind wir stark, aber auch nur schwer zu ertragen! Aber schon Politkitsch und Gesinnungsapplaus garantieren einigen Erfolg.

Die Entscheidung des wenig Brecht-gestählten Regisseurs Claus Peymann für die herbe Mutter aus der Zeit der formal einfachen, in der Sprache kunstvoll klaren "Lehrstücke" - sie ist so mutig wie riskant. Das damals "moderne" Agitproptheater mit aggressiv politischer Handlungsanweisung, von Kurt Weill, dem Erfolgsgefährten der Dreigroschenoper, um nicht minder kunstvoll eindringliche Musik bereichert, hat nie so recht zünden wollen, wurde meist zur vom Publikum wenig erwiderten Liebe politisch engagierter Theatermacher.

Der Mensch im Mittelpunkt, diese Mutter, nach einem Roman von Gorki zum Leben der Revolutionärin Pelagea Wlassowa aus Twer zum marxistischen Lehrstück umgeschmiedet, ist einfach zu gut. Einfache Arbeiterwitwe mit Sohn, des Lebens wenig, des Lesens gar nicht kundig, von Lohn- und Arbeitskampf betroffen, entwickelt Klassenbewusstsein, unterstützt, ja ersetzt den Sohn (Markus Meyer) in Kampf und Agitation mit seinen Gefährten und trägt nach dessen Tode selbst die rote Fahne voran.

Helene Weigel spielte das neben Ernst Busch und Theo Lingen 1932 bei der Uraufführung am Schiffbauerdamm und stand damit auch 1951 wieder in Berlin auf der Bühne. Peter Stein inszenierte das Stück 1970 herb und karg an der Schaubühne am Halleschen Ufer; kein rauschender, auch kein ideologischer Beifall. Aber man war beeindruckt von Therese Giehse, die der heiklen Rolle Sinnlichkeit und Würde gab und ihr Publikum in Nachdenklichkeit entließ.

Carmen-Maja Antoni, seit vielen Jahren am Berliner En-semble, gibt nun bei Peymann der Figur mit augenzwinkernder List, mit einiger Kumpanei auch mit dem Zuschauer eigenes Profil. Die reinliche Berliner Trümmerfrau scheint darin auf, ein Hauch "Mutter ist die Beste" eine Prise "Schweijk" Dazu naives Staunen über die Wunder wie die Schlechtigkeit der Welt und ein Glaube ans Gute im Menschen. Ziemlich viel für eine Frau aus Politpappmaché.

Drum herum organisiert Peymann, von Michael Gross und zehn Musikern beflügelt, auf Karl-Ernst Herrmanns karger Bühne mit großem, meist jungem Ensemble altes Brecht-Theater: V-Effekt satt, klare Formen, uniforme Gebärden, einfache Kostüme (Angelika Rieck), weiß gekalkte Elendsgesichter, mit roten oder blauen Augenbrauen und Ohren. Das aber genügt Peymann nicht. Er muss am 84. Jahrestag ihrer Ermordung auch Rosa Luxemburg auf die Bühne zerren. Deren Gestalt war ja auch Brecht durchaus geläufig. Er ließ sie draußen.

Peymann holt sie mit Textauszügen an den Rand des dramatischen Geschehens. Und wird damit der Gestalt der kämpferischen Sozialistin, der Mitgründerin von Spartakusbund und Kommunistischer Partei ebenso wenig gerecht wie der militanten Pazifistin. Natürlich verweist sie darauf, dass Freiheit immer auch die Freiheit des Andersdenkenden ist; natürlich redet sie - passend zu den US-Kriegsplänen dieser Tage - vom Wahn jeder Aufrüstung.

Gebildet und farbig zitiert sie auf der Bühne, die hier jetzt zum Tribunal wird, aus Schillers Wallenstein. Aber Therese Affolter ist so harmlos, tantenhaft, schrecklich nett, dass die Verbindung von Brechts Mutter zu Rosa Luxemburg sich als Krampf entpuppt und verpufft. (DER STANDARD, Printausgabe, 17.1.2003)