(Zum Vergrößern)

Makrolab, Rottnest Insel, Australien, 2000

Foto: Makrolab/ Generali Foundation

Fünf internationale Künstlerkollektive widmen sich in ihren Projekten dem Thema "Geografie und die Politik der Mobilität".


Wien - Mit dem genießerischen "Leben ohne Begrenzungen" wirbt Ralph Lauren, die Werbung für "Escape" von Calvin Klein zeigt ein umschlungenes Paar am Strand. Diese Bilder mischt die Gruppe Frontera Sur RRVT in die ikonografsch vergleichbaren Fotos von gestrandeten Boat-People, von arretierten Einwanderern an südeuropäischen Küsten.

Die Konstante für Touristen, illegale Immigranten und diese Werbebilder bildet das Meer, das für Frontera Sur alles andere als die große gemeinsame Verbindung von Menschen darstellt. Ein witzig-makabres Videospiel illustriert die Laufbahn eines Immigranten, Level 1: Geld beschaffen (Touristen bestehlen), Level 2: Fahrt übers Meer usw. Dann "Arbeit in einer der Gemüseplantagen" - wobei ein ausgewachsenes Gewächshaus wie ein Kunstobjekt im Ausstellungsraum steht. Es gehört zur Diaserie "Temporary Existences, Fluctuating Spaces".

Das Kollektiv Frontera Sur ist eines von fünf, welche die Schweizer Künstlerin und Kuratorin Ursula Biemann zum Thema "Geografie und die Politik der Mobilität" in der Generali Foundation vorstellt. Sie begreift Geografie kulturell, als Denkmodell, als "Modus von Produktion und Organisation von Wissen". Etwa von Telearbeiterinnen in Indien, welche US-Bürger beraten oder überwachen (Raqs Media Collective/Delhi), von europäischen "Gefängnisindustrien" oder Schmugglerpfaden entlang der spanisch-marokkanischen Grenze.

Diese künstlerischen Navigations- und Repräsentationssysteme, etwa in Form von wandfüllenden Piktogramm-Atlanten des französischen Bureau d'études, dienen vor allem seit den 60er-Jahren als beliebtes Anschauungsmaterial diverser Arten von politischer Kartografie - siehe etwa documenta-X-Wiederentdeckung Öyvind Fahlström. Das zweiköpfige, durch einen Journalisten unterstützte Kunstbüro analysiert etwa die Geldflüsse und Machtströme von kirchlichen Organisationen, von der Rothschild-Familie oder vom Info-War (DER STANDARD berichtete).

Ein Modell von Marko Peljhans in abgelegenen Orten stationiertem und durch Kooperation von Künstlern und Wissenschaftern materialsammelndem "Makrolab" lässt u.a. globale Informationsströme nachvollziehen, möglicherweise bald "live" im Falle eines Krieges im Irak . . . Endgültige Ergebnisse aus diesen gesammelten und in eher künstlerischen Systemen geordneten Daten plant das Kollektiv nach zehn Jahren seines Bestehens, also 2007, zu veröffentlichen.

Das Luxusschiff "Odessa", das wegen Konkurses der Mutterfirma jahrelang samt Besatzung im Hafen von Neapel vor Anker lag, eine abgeschottete Welt für sich, ist eines der Themen der Mailänder Gruppe multiplicity. Eine Menge Textmaterial dazu ist auf spiegelnden Oberflächen in Weiß auf schwarzem Videobild zu lesen - im Hintergrund fährt eine Unterwasserkamera den Meeresboden ab. Spätestens da stellt sich die berechtigte Frage, ob die Ausstellung nicht mehr als ein mit Videos illustrierter Zeitungsartikel ist. Aber der Text ist es wert. (DER STANDARD, Printausgabe, 17.1.2003)