Eine Reform muss her. Das ist in diesen Tagen ein politisches Credo, dem zu widersprechen sich einer nur trauen soll - Antimodernist wird da noch die freundlichste Punze sein, die er aufgedrückt bekommt. Im schlimmeren Fall muss sich so jemand gefallen lassen, als den Wettbewerb scheuendes Faultier angesehen zu werden, das es sich im alle behütenden Sozialsystem bequem gemacht hat. Weil mit solchen Menschen kein Staat zu machen ist, muss sie jetzt schnell her, diese Reform; mehr noch, eine ganz Reformregierung muss es sein.

Was man sich genau darunter vorstellen soll, bleibt vorerst noch im Dunkel von vertraulichen Sub-Sondierungsgesprächen. Dann aber juckt es den einen oder anderen Hochmögenden, und plötzlich wird greifbar, was sich im Kleingedruckten der Reformpapiere verstecken lässt.

Ohne große Debatte wurde im Budgetausschuss des Nationalrats ein Schritt zur Veränderung der Beamteneinkommen im Innenministerium gesetzt, den unternommen zu haben die Protagonisten von Volkspartei und Freiheitlichen nicht geringen Mut bewiesen.

Mit den bisherigen elf Gehaltsstufen war nicht das Auskommen zu finden, also soll das Schema erweitert werden.

Nicht nach unten, was wir vielleicht erwartet hätten, nicht irgendwo zwischendrin wird nachgebessert. Ganz oben kommt eine Stufe zwölf dazu.

Schlank, ganz schlank

Das haben wir bisher aber irgendwie anders verstanden. Die Einkommenskurve abflachen, die Beamten kommen zu teuer: Das klingt auch dem weniger an der Tagespolitik Interessierten noch als vertraute Reformansage in Richtung schlanker Staat.

Überhaupt sollte man auf etliche Beamte verzichten, vernahmen wir. Auf 30.000, so hoch hat Minister Martin Bartenstein Anfang dieser Woche lizitiert. Er hat dabei ganz bestimmt nur an das Wohl des Staates und an unser aller Zukunft gedacht. Nichts anderes als leere Kassen kann er auch im Sinn gehabt haben, als er namens der Volkspartei das Ende der Bienniensprünge im Beamtengehaltsschema verlangte.

Sollte jemand noch nicht überzeugt sein - erst Anfang dieser Woche wurden er oder sie mit eindeutigen Nachrichten bedacht: Die Beamten bleiben länger im Krankenstand als Privatangestellte. Staatsdiener trauen sich zu tun, was anderswo aus Furcht um den Arbeitsplatz ziemlich aus der Mode gekommen ist: intensiv auf Kur zu fahren. Wo doch, wie jeder weiß, das Gesundheitssystem ziemlich marod ist.

Wer's noch immer nicht glaubt - der hat aufgepasst.

Der Umbau der Gehaltspyramide nach oben trifft im Innenministerium einen einzigen Beamten. Der scheint immerhin fachlich über jeden Zweifel erhaben zu sein. Da haben wir schon ganz andere Postenbesetzungen in Erinnerung; solche, bei denen objektivierte Empfehlungen zum Krenreiben gut waren. Wir haben gelernt: Eine Entscheidung ist objektiv richtig, wenn sie der eigenen Klientel nutzt.

Dem neuen Mann in der Generaldirektion für die öffentliche Sicherheit ist sein Gehalt nicht vorzuwerfen, dafür haben andere geradezu- stehen. Den honorigen Amtsträgern ist anzulasten, wenn sie uns Wasser predigen, dann aber doch zum Wein greifen. Die Herren Prinzhorn und Stummvoll stellen mit dieser Selbstbedienungskultur ihre Parteien bloß. Die Unverfrorenheit, Opfer zu verlangen und - wo's passt - Geschenke zu verteilen, macht Politik schlicht und ergreifend unglaubwürdig.

Dankbar, dass sie sich selbst vorführen, muss man den Herrschaften nicht sein. Es gäbe ja wirklich viel zu tun, aber wer soll nach solchen Vorstellungen noch lautere Absichten vermuten.

Ungerechtigkeiten zwischen privatem und öffentlichem Sektor, schreiende Ungleichheit mitunter: Da wäre schon allerhand zu ändern. Die Reformen, die uns versprochen werden, sind aber augenscheinlich etwas anders zu verstehen. (DER STANDARD, Printausgabe, 17.1.2003)