Wien - Ihre Mutter wäre wohl "sehr froh" gewesen - aber auch "sehr verlegen", sagt Lotte Bailyn (72). Verlegen inmitten all der neugierigen Blicke, der freundlichen Worte beim Schul-Umbenennungsfest, das am Mittwoch aus der bisher prosaisch bezeichneten VBS (Vienna Bilingual School) 16 die Ottakringer Marie-Jahoda-Schule machte.

Doch Marie Jahoda - Jüdin, Emigrantin, Ko-Autorin der bahnbrechenden soziologischen Studie "Die Arbeitslosen von Marienthal" - konnte den Akt symbolischer Heimkehr nicht mehr miterleben. Sie starb im Mai 2002 im englischen Sussex. Drei Monate, bevor Direktorin Sigrun Haslinger ihren Lehrern den neuen Schulnamen vorschlug.

Seither liefen die Vorbereitungen - in Form von Projekten, die Jahodas Satz von der "Arbeit als innerst Lebendiges des Menschen" auch den Schülern begreiflich machen sollten. Exkursionen nach Marienthal - heute Gramatneusiedl - und gezielter Unterricht lösten einander ab.

"In Indien müssen viele Kinder schon arbeiten", weiß etwa die neunjährige Blessy nach einem halben Jahr Beschäftigung mit dem Thema. Zur Feier des Tages hat sich die Einwanderertochter einen Sari angezogen. In der Klasse daneben ringt ein polizeikappenbewehrter Siebenjähriger mit einer Mitschülerin. Was beide trennt - und verbindet -, ist "der Berufswunsch Polizist. Bei Mädchen ist das noch etwas Besonderes", erläutert Lehrerin Petra Müller, die ein entsprechendes Projekt durchgeführt hat. (bri, DER STANDARD Printausgabe 17.1.2003)