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London - Das massive Übergewicht der US-Bevölkerung lässt nicht nur Gesundheitsexperten verzweifeln, es ruft auch Ökonomen auf den Plan. David Cutler, Edward Glaeser und Jesse Shapiro vom Institute of Economic Research der Harvard University haben eine neue Anwort auf die Frage, warum US-Amerikaner immer dicker werden, gefunden: Es ist der technologische Fortschritt in der Lebensmittelindustrie.

Der technologische Fortschritt hat die Nahrung abwechslungsreicher und zweckdienlicher gemacht, d.h., die Handhabung von Produkten wird für den Konsumenten bequemer, heißt es in der Argumentation. Die klägliche Willensstärke der amerikanischen Bevölkerung konnte, so die Autoren, dieser Herausforderung nicht standhalten. Schätzungen zufolge sind beinahe ein Drittel der Amerikaner fettleibig. Die USA sind damit ein Sonderfall. Denn dieser Wert übertrifft selbst das "pummeligste" Vergleichsland um 50 Prozent. Auf die Frage, warum dies so ist, torpediert die Untersuchung "Why have Americans become more obese" die meisten gängigen Theorien.

Gesteigerte "Convenience"

Inzwischen haben Lebensmittelbetriebe die Produktentwicklung vorangetrieben. Industriell gefertigte Produkte schmecken besser, sind billiger, abwechslungsreicher und konsumentenfreundlicher (so genannte Convenience-Produkte) geworden. Die Autoren nennen das Beispiel Kartoffel. Mussten diese früher im Zuge der Zubereitung gewaschen, geschält und gekocht werden, konsumieren die meisten Amerikaner nun einfach Pommes frittes. Die gesteigerte "Convenience" hat auch die Frequenz der Nahrungsaufnahme erhöht: Das Motto lautet kleinere aber immer häufiger deftige Snacks statt regelmäßigem Essen. Begünstigt wird dieser Umstand dadurch, dass die Produkte durch den Fortschritt in der Lebensmittelproduktion immer billiger werden.

Die von den Autoren aufgestellten Schlussfolgerungen sind eigenen Angaben zufolge nicht bahnbrechend, aber aufschlussreich für Entscheidungsträger. Es sollten zum einen nicht immer große Fast-Food-Ketten zum Sündenbock der zügellosen Nahrungsmittelaufnahme gemacht werden, berichtet die BBC. Zum anderen untergräbt ihre Untersuchung ein Argument der Wirtschaft, wonach eine Steigerung der Convenience einen eindeutigen Vorteil für die Gesellschaft hat. Dass die US-Bevölkerung jährlich rund 50 Mrd. Dollar in den Kampf gegen das Übergewicht investiert, zeige wohl eher, dass man mit dem Status quo nicht gerade glücklich ist.

Supersizing

Während die Autoren obiger Studie die Theorien, die Mahlzeiten-Portionen würden größer, nicht gelten lassen wollen, halten andere genau dies für den Grund. Das Übergewicht von fast 60 Prozent der Amerikaner kommt demnach nicht allein von den heftig beworbenen Riesen-Portionen in den Schnell-Restaurants, heißt es im Journal of the American Medical Association. Die US-Bürger haben in den vergangenen Jahrzehnten auch die zu Hause servierten Essensmengen wesentlich vergrößert. "Zwischen 1977 und 1996 sind die servierten Portionen sowohl zu Hause als auch im Restaurant für jedes Nahrungsmittel mengenmäßig gewachsen - außer für Pizza".

Laut einer Studie der Universität von North Carolina stieg der Energiewert pro Portion bei Getränken um 49 Kalorien, bei Hamburgern um 97 Kalorien und bei mexikanischem Essen wie Burritos, Tacos und Enchiladas sogar um 133 Kalorien. Durch die größeren Portionen in Restaurants habe sich auch das Essverhalten zu Hause verändert. Weniger als die Hälfte der Amerikaner könne noch die empfohlene Portionsgröße richtig einschätzen, ergab eine 2002 durchgeführte Untersuchung der American Dietetic Association. Die meisten häuften einfach zu viel Essen auf dem Teller an.

Als Rezept gegen die Überschätzung der für eine Mahlzeit benötigten Nahrungsmittel solle man einfach kleinere Teller benutzen. Wer die Reste einer zu großen Portion auch später nicht mehr essen wolle, könne sie einfach versalzen. (pte)