Wenige Monate vor der Abschaltung der letzten beiden analogen terrestrischen Übertragungsfrequenzen schauen Rundfunkexperten gespannt nach Deutschlands Hauptstadt Berlin. Dort müssen ab 1. August 150.000 Haushalte von der analogen Antenne auf digitale Empfangsgeräte umsteigen. Das relativ nüchterne Fazit des ZDF-Medienforschers Bernhard Engel bei einem Vortrag am Freitag in Wien: Die Chancen für digitales Fernsehen sind überschaubar, in Ballungsräumen ist der Nutzen für Kabel- und Satellitenhaushalte kaum erkennbar.

"digital video broadcasting terrestic"

Engel, der auf Einladung von ORF und der Rundfunk- und Telekom Regulierungs GmbH (RTR) nach Wien gekommen war, betonte gleichzeitig die Notwendigkeit, von der Analogübertragung auf DVB-T ("digital video broadcasting terrestic") Übertragung umzusteigen: "Das ZDF zahlt allein für die terrestrische Übertragung seines Programms 80 Mio. Euro im Jahr." Mit DVB-T könnten die Verbreitungskosten je Haushalt massiv gesenkt werden.

"Schwere Aufgabe für das Marketing"

In Berlin, wo im März 2003 weitere vier digitale Frequenzen freigeschaltet werden, sind 80 Prozent der Haushalte verkabelt, 15 Prozent mit einer Satellitenschüssel versorgt und nur fünf Prozent empfangen ausschließlich über die analoge Hausantenne. "Die Fernsehzuschauer von DVB-T zu überzeugen, wird eine schwere Aufgabe für das Marketing", ist sich der Medienforscher sicher. In "terrestrischen Haushalten" leben laut einer ZDF-Studie hauptsächlich Menschen, die Engel als "Kulturpessimisten" bezeichnet und dem Fernsehen prinzipiell eine nachrangige Bedeutung zuweisen, oder ältere Menschen mit geringem Einkommen. Für den Empfang von Digital-TV ist jedoch eine sogenannte "Settop-Box" notwendig, die momentan im Handel rund 200 Euro kostet.

Technisch noch nicht ausgereift

Für Kabelseher sind die Vorteile von DVB-T derzeit noch weniger offensichtlich, so Engel realistisch. In Berlin werden rund 40 Programme via Kabel oder Satellit ausgestrahlt, über DVB-T können nur noch 24 Programme (vier Programme auf einer Frequenz) empfangen werden. Die möglichen Zusatzverwendungen, die DVB-T mit sich bringen soll - wie mobiles Fernsehen-, stecken jedenfalls noch in den Kinderschuhen. In ersten Testphasen zeigte sich, dass diese mobilen Geräte technisch noch nicht ausgereift sind für das "Fernsehen auf der Straße": kleine Bildschirme, leistungsschwache Antennen, langer Bildaufbau beim Umschalten und Totalabstürze der Geräte.

Interaktive Dienste nicht geplant

Auch interaktive Dienste wie Wetten oder Einkaufen sind laut Engel in Deutschland nicht geplant. Erstens ist kein Rückkanal vorhanden, zweitens bezweifelt der Medienexperte den Erfolg solcher Leistungen: Das einfache Bestellen über Telefon werde das mühevolle Navigieren via Fernbedienung nicht ersetzen.

Hoffnung auf rasche Akzeptanz von DVB-T

Dennoch hofft der Experte auf eine rasche Akzeptanz von DVB-T. Es dürfe den Konsumenten nicht zuviel versprochen werden, warnt Engel. Digitales Fernsehen ist nicht gleichzusetzen mit Globalisierung oder Internet. Auf positives Feedback sind in Testprojekten sowohl die hohe Bildauflösung als auch der "Electronic Programme Guide (EPG) gestoßen, eine Art erweiterter Teletext. Mit kleineren Empfangsgeräten könnte Fernsehen vielleicht zum "Nebenbei-Medium" werden und so dem Radio Konkurrenz machen, so Engel. (APA)