Wien - Der französische Atom stromriese Electricité de France (EdF) drängt nach Österreich. Die Franzosen lassen derzeit substanzielle Anteile am niederösterreichischen Versorger EVN kaufen, denn mit der Sperrminorität der EdF bei der steirischen Energieholding Estag könnte der größte Energiekonzern Europas den heimischen Strommarkt kaum aufrollen.

Eigentliches Objekt der Pariser Begehrlichkeiten ist die Energie Allianz (EA) der ostösterreichischen Landesversorger, die gemeinsam mit dem Verbund zu einer größeren Stromlösung zusammengespannt werden soll, in der nur die Länder Tirol, Salzburg, Vorarlberg und Kärnten nicht mittun. Verbund-Vorstandssprecher Hans Haider hat sich offenbar schon mit der Tatsache abgefunden, dass die EdF in der Energie Austria neu ein gewichtiges Wörtchen wird mitreden können.

Lobbyistenmacht

Was dazukommt: Die EdF hat in Brüssel genug Lobbyistenmacht geballt, um die Genehmigung der rot-weiß-roten Stromlösung zu verzögern oder mit Auflagen lahm zu legen, auch wenn es dafür noch keine Anzeichen gibt. Die Franzosen wurden sicher nicht von der Liebe zum Kauf des EVN-Pakets getrieben, sondern von der Tatsache, dass es bei den anderen Allianz-Partner (Wien Energie, Energie AG Oberösterreich, Bewag und Linz AG) keine Einstiegsmöglichkeiten gibt.

Konkret hat die EdF über die Vehikel Estag und die deutsche Energie Baden Württemberg (EnBW) Aktien der Niederösterreicher zugekauft. Mit der Übernahme der Verbund-Anteile an der EVN (14,4 Prozent) sind die Steirer mit 20,9 Prozent der zweitgrößte Aktionär der EVN, die EnBW kommt laut Insidern schon auf über zehn Prozent. Damit kontrollieren die Franzosen direkt und indirekt fast ein Drittel der Aktien. Als Nothelfer könnte sich der einstige Rivale Verbund erweisen. Dieser könnte den Steirern die EVN-Aktien abkaufen oder bei der heuer anstehenden weiteren Estag-Privatisierung (angeboten sind 24,4 Prozent) mitbieten. Dies würde für den Verbund durchaus Sinn machen, schließlich sind die Steirer mit dem Konzern schon länger verbandelt. Der Verbund hält derzeit 34,6 Prozent an den operativen Estag-Gesellschaften Steweag und Steg mit der Option, auf 49 Prozent zu erhöhen. In das Kooperationsbild passt auch, dass Verbund und Steirer gemeinsam den alternativen Anbieter Raiffeisen Ware Wasserkraft besitzen.

Insider gehen davon aus, dass die deutsche E.ON mit dem französischen Rivalen einen Nichtangriffspakt für den österreichischen Strommarkt geschlossen hat. Für einen zweiten europäischen Branchenriesen ist in Österreich kein Platz mehr, heißt es dazu in der heimischen Energiewirtschaft. (DER STANDARD, Printausgabe 18.1.2003)