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Hugo Chávez

Foto: APA/AFP/Solorzano

Der Herausgeber der führenden Zeitung El Nacional berichtet von "permanenter Bedrohung" und tätlichen Angriffen.

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Venezuelas Präsident Hugo Chávez drohte den Betreibern der privaten Radio- und TV-Stationen mit dem Entzug der Lizenz, weil die Medien offen die Opposition, die den Rücktritt des linkspopulistischen Präsidenten fordert, unterstützten. "Die privaten Medien sind auf Seite der Putschisten und führen einen medialen Krieg gegen mich." Macht Chávez seine Drohung war, bliebe nur noch die staatliche TV- und Radioanstalt übrig.

Statt Werbung Aufrufe der Opposition

Die privaten TV-Kanäle strahlen seit der Ausrufung des Generalstreiks, der die siebte Woche andauert, statt Werbung Aufrufe der Opposition aus und übertragen stundenlang live Bilder von Anti-Chávez-Demonstrationen. Das staatliche Fernsehen, Canal ocho, bezeichnet im Gegenzug demonstrierende Oppositionsanhänger als "Faschisten in Aktion".

In einer Sendung von Canal ocho nannte Chávez die Besitzer der Stationen Venevisión, RCTV, Televen und Globovisión namentlich und bezeichnete diese als "die vier Reiter der Apokalyse". Auch die Zeitungen bezichtigte er allgemein der Lüge und nahm nur zwei davon aus.

Pressefreiheit bedroht

Miguel Henrique Otero, Herausgeber der im Besitz seiner Familie befindlichen führenden Qualitätszeitung "El Nacional", sieht die Pressefreiheit in seinem Land bedroht: "Wir können zwar alles publizieren, was wir wollen, aber wir leben und arbeiten unter permanenter Bedrohung", sagte Otero zum STANDARD. Es habe vor einem Jahr damit begonnen, dass rund Hundert Chávez-Anhänger vor dem Redaktionsgebäude aufmarschierten und an der Straßenecke dann Mitarbeitern auflauerten und diese bedrohten. "Sie hatten sogar Listen von unseren Leuten." Seither ist der Eingang von "El Nacional" verschlossen, ins Gebäude gelangt man nur durch ein Nebengebäude und ein Labyrinth von Gängen.

Kugelsichere Westen für Parlamentsberichterstatter

Sogar die Parlamentsberichterstatter des "Nacional" sind mit kugelsicheren Westen ausgestattet. Dennoch warten sie nach Kongreßsitzungen oft stundenlang, bis sie aus dem Gebäude können, weil draußen gewaltbereite Chávez-Anhänger lauern.

Otero verweist auf Zahlen, die auch der Journalistenverband bestätigt, wonach 2002 insgesamt 200 Journalisten angegriffen worden. Vertreter der Regierung riefen ständig an und drohten bei Erscheinen missliebiger Artikel Maßnahmen an, so Otero. Sämtliche Anzeigen der Regierung seien storniert worden, und die Steuerbehörde sei im Haus. Es sei für seine Zeitung praktisch unmöglich, Interviews mit Regierungsmitgliedern zu bekommen.

"Autoritär-totalitäres Modell"

Dennoch hält er Chávez nicht für einen Dikator: "Er ist kein Diktator im historischen Sinne, er bezieht sich auf die Verfassung. Aber er verfolgt ein autoritär-totalitäres Modell und möchte die Medien, wie schon Parlament und Gericht, völlig kontrollieren." (Alexandra Föderl-Schmid/DER STANDARD; Printausgabe, 18./19.1.2003)