Natürlich wird nun auch das alte Friedrich-Gulda-Bonmot wieder hervorgekramt, wonach Wien in Sachen Jazz nur ein Vorort von Graz sei. Ob es zumindest in Bezug auf die 60-er Jahre partielle Gültigkeit hatte, als die Mehrzahl der heimischen Improvisatoren von Format im Ausland ihre Brötchen verdiente, während in Graz immerhin die europaweit erste musikuniversitäre Jazzabteilung Musiker anlockte, mag dahingestellt bleiben, Faktum ist: An der Mur kulturhauptstädtelt es, und die hier seit der britischen Besatzungszeit bedeutsame Jazzszene will dabei nicht zurückstehen.

"Das Generalthema - gemäß der EU-Programmatik - ist die Emanzipation des europäischen Jazz, der ja bis um 1970 nicht existent war, da er nur als mehr oder weniger gelungene Kopie des amerikanischen Jazz auftrat", so Otmar Klammer, gemeinsam mit Gerhard Kosel Initiator des Grazer Jazzkartells wie auch der Veranstaltungsreihe Europas Jazz 2003, die in sieben Länderschwerpunkten über die Bühnen diverser Clubs gehen wird. Drei der nach subjektiver Einschätzung zurzeit stärksten Jazzszenen der aktuellen EU kommunizieren indirekt mit vieren aus den zukünftigen östlichen Mitgliedsstaaten: Frankreich macht von 20. bis 24. Jänner mit hierzulande bestens bekannten Mannen, voran dem Superstar-Trio Louis Sclavis/Aldo Romano/Henri Texier und Biréli Lagrène, im M59 den Anfang, ab 3. Februar steht das WIST für vier Tage im Zeichen eines mit "Balkan" überschriebenen Südost-Europa-Features. Tschechien, Italien, Ungarn, Polen und England werden folgen. Eine achte Region war geplant (Skandinavien), sie fiel aber der Budgetkürzung zum Opfer.

Höhepunkt der Reihe ist das wie jedes Jahr Ende April einberufene "Graz Meeting", das ambitioniert "European Jazz Joint Ventures" im Signet trägt und tatsächlich Kollaborationen österreichischer mit osteuropäischen Cracks - etwa Pianist Dieter Glawischnig mit Vladimir Chekassin und Vladimir Tarasov - aufwartet, die man sonst wohl nirgendwo zu hören bekommt. Auch dies ein keineswegs zufälliger Kontrapunkt zum Defilee der US-Super-Stars im Rahmen der von Erich Kleinschuster kuratierten Jazz-Sommer-Open-Airs auf dem Mariahilferplatz, deren als unverhältnismäßig großzügig empfundene Bezuschussung aus der öffentlichen Hand 1999 Anlass zur Gründung des Jazzkartells war.

Was der Grazer Szene vom Kulturhauptstadtjahr und von dessen oft zitierter, strategischer "Nachhaltigkeit" bleiben wird? Otmar Klammer bedauert, dass die Idee eines Jazzhauses im ehemaligen Opernkino am Jakominiplatz nicht realisiert wurde und ortet "politisches Versagen": Eine Supermarktkette machte das Rennen, obwohl deren Anbot nur um 25 Prozent höher gelegen sei als jenes des Jazzkartells. Aber zumindest sind Verbesserungen in der technischen Ausstattung der Jazzclubs, die das knapp 335.000 Euro schmale Festival-Budget zusätzlich ermögliche, anzuführen. Zudem der "gewaltige mediale Sog", den auch Klammer, im Brotberuf Printjournalist, unterschätzt habe, und der die Marken "Graz" und "Jazz" international durchaus stärker zur Deckung bringen dürfte. Ansonsten bleibt für ihn der Schluss: "Es gibt kein Rezept für Nachhaltigkeit - außer Geld." (DER STANDARD, Printausgabe vom 18./19.1.2003)